Auf zwei Wörtern hat Isabel García ihr Imperium aufgebaut: "Ich rede." Bevor die frühere Steuerfachfrau und Sängerin mit ihrem Hörbuch den ersten Platz bei Amazon und iTunes erklommen hatte, vorbei an den Dauerbrennern von Hape Kerkeling oder Eckhart von Hirschhausen, war sie unbekannt. Verlage hatten einer nach dem anderen ihre Idee zu Ich rede abgelehnt. Doch García blieb hartnäckig, entschied sich schließlich für den Selbstverlag – und selbstredend wurde ihr Hörbuch zum Bestseller.

Anscheinend haben Menschen ein äußerst starkes Bedürfnis, gut reden und auftreten zu können. Die Buchhandlungen sind voll mit Rhetorik- und Kommunikationsratgebern. Wenn sich jemand wie García selbstbewusst hinstellt und sagt, ich rede, macht das erst mal Eindruck. Sprache und Rhetorik sind Statussymbole, wie Körpersprache oder Kleidung. Gut verpackte Informationen wirken anziehend.

Das galt bereits in der Antike. Und virtuose Redner wie Marcus Tullius Cicero machten dank ihrer Wortkunst Politikkarriere. Heute sind gute Redner nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wirtschaft gefragt. Man denke an die großen CEOs der Weltkonzerne. Noch immer versuchen Forscher, das Sprechgeheimnis des früheren Apple-Chefs Steve Jobs zu entschlüsseln. Wissenschaftler der Süddänischen Universität sind gerade tatsächlich dabei, das "akustische Charisma" der Tech-Ikone zu zerlegen wie eine mathematische Formel.

Doch zunächst zurück zu Isabel García, die weder Politikerin noch Chefin eines Weltkonzerns ist, aber trotzdem mit ihren Reden ganze Hallen füllt. Sie ist heute Keynote-Speaker von Beruf und kann zu quasi jedem Anlass reden. Hotelketten buchen sie für Roadshows, der Zahnarztverband für Kommunikationstrainings mit Angstpatienten und Firmen für Kundenveranstaltungen. Garcías Beruf gibt es noch nicht so lange, und mancher denkt derzeit, im Speaker-Business läge das Geld auf der Straße.

Aber ist es wirklich so leicht, sich allein mit dem Reden einen Namen zu machen? Isabel García hat auch einen YouTube-Kanal eröffnet und eine Online-Akademie gegründet. Dort veröffentlicht sie regelmäßig Trainings. Ihre Zuhörer sind Rentner, Eltern oder Studenten. Sie hören García zu, weil sie sich zum Beispiel in Gesprächen wohler fühlen oder bei Streits besser durchsetzen wollen, weil sie auf Partys flirten möchten, statt am Rand zu stehen, oder im Beruf ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken wollen. "Die wollen alle ein schönes Leben", sagt García. Sie glauben daran: Wenn man gut kommuniziert, klappt es auch mit dem Rest.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 5/18.

Garcías Botschaft ist simpel: Jeder kann reden. "Die meisten denken: Reden, präsentieren, sich verkaufen, das können die anderen immer besser. Ich beweise ihnen das Gegenteil. Jeder kann auf seine Art überzeugen." Ihre Botschaft klingt wie aus einer dieser Castingshows, die damit werben, dass jeder singen könne. Der Kampf um öffentliche Aufmerksamkeit ist längst Alltag geworden und beschränkt sich nicht mehr auf Prominente und Medienprofis. Laut Studien erscheinen charismatische Sprecher attraktiver. Sie erhalten beim Speeddating mehr Telefonnummern und führen fruchtbarere Ergebnisse bei Brainstorming-Runden oder bessere Lernerfolge bei Schülern herbei. Sie können mehr Investoren gewinnen oder ihre Dienstleistungen glaubwürdiger und sympathischer verkaufen.

Das Wertvollste bei jeder Kommunikation sei die Natürlichkeit, lehrt García. "Am authentischsten und damit überzeugendsten wirken wir, wenn wir entspannt sind." Die Gefühlslage eines Menschen lässt sich tatsächlich am besten an seiner Stimme ablesen, nicht an seiner Mimik oder Gestik, fanden Forscher der Yale University heraus. Bei Freude ist die Stimme zum Beispiel höher und die Sprachmelodie abwechslungsreicher, bei Trauer hingegen monotoner. In der Stimme sind Gefühle schwer zu verschleiern, sie spiegelt die Stimmung.