In meiner Familie gab es ein Buch, das verehrt wurde wie in anderen Familien die Bibel. Es war grau und hatte ein paar verdrehte Buchstaben auf dem Umschlag. Der Autor: ein amerikanischer Legastheniker. Ich war 16 Jahre alt, als das Buch zu uns kam und mein Denken für immer prägte. Ronald Dell Davis schrieb darin, zusammengefasst: Wahre Genies erkenne man daran, dass sie ein Problem mit Buchstaben haben. Ich hatte eins, mein Bruder und mein Vater auch sowie ein paar Onkel und Cousins. Egal in welcher Generation einer von uns in die Schule kam, es war immer das Gleiche: Das Lesen funktionierte nicht und das Schreiben auch nicht. Wenn wir unsere Aufsatzhefte zurückbekamen, waren sie rot von all den angestrichenen Buchstaben: den zu vielen, den verdrehten, den falschen, den fehlenden. So rot, dass man kaum noch etwas vom Rest sehen konnte. Allein die acht Buchstaben des Wortes "Boxkampf" lassen sich auf 40.320 Arten anordnen, und nur eine einzige davon ist richtig.

Ronald Dell Davis schrieb in seinem Buch, manche Menschen hätten die Gabe der Desorientierung. Sie hätten früh gelernt, lange vor dem Lesen und Schreiben, sich Dinge vorzustellen, die sie nicht kannten oder nicht verstanden – und diese Vorstellungen dann im Kopf zu drehen und zu wenden, bis sie auf eine Lösung kamen. Oft seien solche Perspektivwechsel und eine große Vorstellungskraft sinnvoll, schreibt er. Wenn man sich einen Baum vorstellt, bevor man ihn hochklettert. Oder die Kurve, bevor man sie fährt. Eine Figur, bevor man sie zeichnet. Eine Glühbirne. Oder die Relativitätstheorie. So wie Albert Einstein oder Thomas Edison, Walt Disney oder Jackie Stewart. Alles Menschen, die angeblich Probleme mit Buchstaben hatten. Denn genau da, bei einem Buchstaben oder Wort, helfe es nicht, wenn man von allen Seiten draufschaut. Es verwirrt noch mehr. Meinem Vater gefiel diese Erklärung sehr, und er testete sie an uns: Mein Bruder und ich mussten uns ein Tortenstück vorstellen und es von allen Seiten beschreiben. Wir konnten es! Wir hatten die Gabe der Verwirrung!

Dieser Text stammt aus dem ZEIT-Wissensmagazin 6/18.

Buchstaben sind wichtig. Sie besiegeln Geschäfte, Ehen und Friedensverträge. Tolstois Werk ist aus ihnen zusammengefügt, genau wie die Bibel und die Bild-Zeitung. Alles, was die Menschheit bisher gesagt hat, und alles, was jemals noch gesagt werden wird, selbst wenn die Wörter dafür erst noch erfunden werden müssen, können diese Zeichen ausdrücken. Sie verkünden Geburten, Todesfälle oder Urlaubsgrüße, werden zu Einkaufslisten, Gedichten, Wohngeldanträgen und Doktorarbeiten. In den verschiedensten Sprachen. Die Wahrheit ist: Gerade die Unbegrenztheit, in der man diese Zeichen kombinieren kann, ist das Grandiose an dieser Erfindung.

Für mich waren Buchstaben immer etwas für Pedanten und Besserwisser. Buchstaben, das waren kleine Scheißer, die einem das Leben schwer machen. Ob da "Bäcker" oder "Becker" steht oder wie jetzt genau "Wahrheit" geschrieben wird, war – mir persönlich – nicht wichtig. Über das Straßenschild "Gas weg!" habe ich Jahre meiner Kindheit gegrübelt. Jedes Mal, wenn ich daran vorbeikam, wusste ich wieder nicht, warum da Gassweg getrennt geschrieben wird. Die Verwirrung war so groß, dass es erschreckend lange dauerte, bis mir bewusst wurde, dass das Schild neben der Schule mit Geschwindigkeit zu tun hat.

Geschrieben habe ich trotzdem immer. Strotzend vor Rechtschreibfehlern, aber schon in der ersten Klasse vom kleinen Igel Tirium beim Picknick. Dann von Löwen und Monstern, später Mördern und Kriegswitwen. Weil ich Geschichten erzählen wollte, trieb es mich durch die Aufsätze in der Grundschule, den Deutsch-Leistungskurs, die Journalistenschule. Die Buchstaben waren irgendwie immer dabei, klar, aber ich dachte, die Beschäftigung mit ihrer genauen Reihenfolge sei etwas für Menschen, denen Formalitäten wichtiger sind als der Inhalt. Bis ich ihre schöne Geschichte erfuhr.

Alles, was bisher gesagt wurde, und alles, was je gesagt werden wird, können diese Zeichen ausdrücken.

Nach Orly Goldwasser, Ägyptologin an der Hebräischen Universität in Jerusalem, waren es ungebildete Steinbrucharbeiter im Sinai, die ungefähr 1800 vor Christus unsere Buchstaben erfanden. Es waren Nomaden, Seemänner und Eseltreiber, die aus Armut in die Wüste gezogen waren, um dort für die Ägypter Türkis, Kupfer und Malachit abzubauen. Sie schufteten hart in den Minen. Um sie herum waren nur Geröll und einsame Weite. Die Ägypter hatten sich einen Tempel in dieser kargen Gegend gebaut, um zu beten. Orly Goldwasser vermutet, dass die Arbeiter sie dabei beobachteten, wie sie kleine Zeichen in die Mauern schabten: Bilder von Menschen, Tieren, Szenen, und erkannten, dass das deren Form war, mit Gott in Kontakt zu treten. Das wollten sie auch! Nur: Sie kannten die Zeichen nicht. Die Ägypter hatten über Jahrtausende mehrere Hundert Bilder entwickelt, alle stark religiös aufgeladen. Einige standen für Laute, andere für ganze Wörter und manche auch für beides, je nach Kontext. Nur hohe Beamte, Gelehrte und Priester beherrschten sie.