1. Merkmale

Jeder kennt das: weiche Knie, zitternde Hände, die Stimme versagt – immer genau dann, wenn man es am wenigsten gebrauchen kann. Weil man geprüft wird, einem viele Menschen zuhören oder der eine, der Wichtigste von allen, gleich um die Ecke kommt. Nervosität bedeutet innere Unruhe, bei der die natürliche Gelassenheit verloren geht – und das zeigt sich zu allem Überfluss auch noch körperlich: Die Stimme wird höher, das Sprechen schneller, die Augenlider fangen an zu zucken. Auch Schwindel, Benommenheit und Konzentrationsschwäche sind keine Seltenheit. Emotionen und körperliche Reaktionen können sich gegenseitig hochschaukeln: Die Nervosität beschleunigt den Puls, was das Hirn beunruhigt, also wird die Herzfrequenz gesteigert, was wiederum das Hirn in Panik versetzt und so weiter. Die Grenzen zu dem Gefühl von Angst und von Stress sind fließend – sogar die ausgeschütteten Hormone sind fast dieselben.

Macht uns eine Situation nervös, springt die Amygdala, der Mandelkern, im Gehirn an – eine Art Filterfunktion, die meldet, dass da etwas plötzlich nicht eingeordnet werden kann. Sie gehört zum limbischen System, das für die Emotionen zuständig ist. Die Amygdala wird vom präfrontalen Cortex kontrolliert, der kognitiven Funktionseinheit. Kommt von diesem keine Entwarnung, werden weiter Stresshormone ausgeschüttet. Verantwortlich dafür ist der Hypothalamus im Zwischenhirn. Er kontrolliert das vegetative Nervensystem, das unbewusste Vorgänge wie Atmung, Herzfrequenz und Blutdruck steuert – und lässt in Stresssituationen alle drei ansteigen. Dennoch: "Akute Nervosität ist harmlos", sagt Rainer Rupprecht, Leiter des Lehrstuhls für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Regensburg, "die ist ja gleich wieder weg."

2. Vorkommen

Nervosität erlebte Ende des 19. Jahrhunderts ihre Hochkonjunktur. 1869 beschrieb der New Yorker Neurologe George M. Beard als Erster das Erschöpfungssyndrom Neurasthenie. In einer Zeit, in der die Städte chaotisch wuchsen, Telefone die Menschen über viele Kilometer verbanden und das elektrische Licht die Nacht zum Tag machte, war Neurasthenie die am häufigsten gestellte Diagnose im Deutschen Kaiserreich. Angesichts der vielen außen- und innenpolitischen Probleme galt gar das ganze Reich als "nervöse Großmacht".

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 6/18. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Dieses Krankheitsbild gibt es heute nicht mehr, erklärt Rainer Rupprecht: "Nervosität ist eher ein Oberbegriff." Sie kann ein Symptom sein, etwa von Depressionen, ADHS oder Unterzuckerung. Sie kann bei zu viel Alkohol auftreten oder bei einem Drogenentzug, bei zu viel Koffein, zu wenig Sport, Schlafmangel oder beständigem Lärm. Und natürlich vor Prüfungen, Vorstellungsgesprächen, Vorträgen oder einer bevorstehenden Trennung. Es gibt auch positive Nervosität, vor einem Date oder einer Reise. Selbst Nahrungsmittel können nervös machen: der Farbstoff E 120 in Gummibärchen etwa oder Oxalsäure im schwarzen Tee. Die prominenteste Form der Nervosität findet indes auf der Bühne statt: das Lampenfieber. Selbst Adele, eine der berühmtesten Sängerinnen des 21. Jahrhunderts, sagt: "Ich habe Angst vor dem Publikum."

3. Zweck

Zu Neandertaler-Zeiten hatte Nervosität eine lebenserhaltende Funktion. Denn nervös und ängstlich macht alles, was theoretisch für den Menschen bedrohlich sein kann. Dann schaltet der Körper auf Autopilot: Das Herz schlägt schneller, der Blutdruck steigt – der Körper bereitet sich auf Höchstleistungen vor, auf Kampf oder Flucht. Heute reagiert unser Körper auf eine bevorstehende Prüfung noch immer so, als würde ihm ein gefährlicher Tiger im Nacken sitzen. Das Signal zeigt nicht mehr die Gefahr, sondern den Wert an, den die Situation hat. Rainer Rupprecht erklärt: "Bei einer Prüfung weiß ich: Ich habe etwas zu verlieren. Der Grad der Nervosität steigt mit der Bedeutung, die ich dem Ergebnis beimesse. Anders bei einem Vortrag: Da geht es um die soziale Angst, etwas falsch zu machen und nicht genügend Wertschätzung zu erfahren."

"Respektiere dich selbst"

Vor allem Profimusiker kennen diese Angst: Eine australische Studie schätzt den Anteil der krankhaften Nervösen unter Orchestermusikern auf über 30 Prozent. Konzertpianistin und Psychotherapeutin Irmtraud Tarr ist sich dennoch sicher: "Für einen guten Auftritt braucht man Adrenalin. In der richtigen Dosis macht es wach und konzentriert". Bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es eine entsprechende Angst-Leistungs-Kurve. Der zufolge ist nicht nur zu viel, sondern auch zu wenig Angst leistungsmindernd.

4. Nebenwirkungen

Über die Nervenstärke entscheidet eine Mischung aus erblicher Veranlagung, erlerntem Verhalten, frühkindlicher Sozialisation und persönlicher Entwicklung. Wer als Kind stabile Bindungen erlebt hat, ist weniger schnell aus der Ruhe zu bringen. Doch selbst die robustesten Nerven werden überreizt, wenn nach der Belastung auf Dauer keine Erholungspause folgt. Oft stehen Zweifel an der eigenen Person dahinter – denn gerade in einer schnelllebigen Gesellschaft fürchten viele Menschen, den Erwartungen und Anforderungen nicht gerecht zu werden. "Bei einer länger andauernden Nervosität kommt es zu chronischer Unruhe und Anspannung", sagt Rupprecht. Dauerstress schwächt das Immunsystem. Appetitverlust, Kopfschmerzen, Herz-Kreislauf-Probleme, Magen-Darm-Beschwerden oder sexuelle Dysfunktionen sind die Folge – alles Bereiche, die vom vegetativen Nervensystem gesteuert werden. Nicht umsonst sagt der Volksmund: "Das schlägt mir auf den Magen." Wenn die Nervosität so stark ausgeprägt ist, dass der Betroffene unter bestimmten Situationen leidet und auf sie viel zu heftig oder zu lange reagiert, sprechen Mediziner von krankhaften Zuständen. Meist ist die Nervosität dann Symptom einer psychischen Erkrankung – etwa von Schizophrenie, Depressionen, Angststörungen oder post-traumatischen Belastungsstörungen.

Aber auch nur akut nervöse Menschen sind schneller gereizt, sie hören kaum zu oder verpatzen wichtige Dinge. Unter Stress sollten daher keine wichtigen Entscheidungen getroffen werden – gestresste Menschen konzentrieren sich auf die Vorteile eines möglichen Ergebnisses und vernachlässigen negative Folgen. Das könnte erklären, warum Menschen unter Stress ihre Triebe schlechter kontrollieren – und leichter schnellen Lösungen anheimfallen. Robbie Williams etwa bekämpfte sein Lampenfieber früher mit Alkohol und Drogen. Metal-Sänger Ozzy Osbourne ertränkte die Nervosität in Alkohol und brauchte 20 Versuche, um den Führerschein zu bestehen. Bei klassischen Musikern sind Betablocker beliebter: Das Blutdruckmittel dämpft die Stresshormone. Laut einer amerikanischen Studie schlucken ein Viertel der Profimusiker die Tabletten.

5. Therapie

Tabletten und Drogen nehmen dem Gehirn die Erfahrung, die Nervosität von allein zu bewältigen. Auch eine komplette Vermeidung ist wenig hilfreich. Irgendwann kann allein die Vorstellung von der aufregenden Situation eine Erwartungsangst erzeugen – eine Angst vor der Angst. Irmtraud Tarr rät bei Lampenfieber, das Publikum nicht als Feind, sondern als Gruppe zu sehen, der man selbst angehört: "Manche schaffen das, indem sie sich vorstellen, nicht nur die Bühne sei beleuchtet, sondern auch der Zuschauerraum." Auch hilft der Illusion-der-Transparenz-Effekt: Sobald Vortragende darüber aufgeklärt werden, dass ihre Nervosität und ihre Gefühle gar nicht so erkennbar sind, wie sie dachten, erhöht sich ihre Gelassenheit während des Vortrags. Kurzfristig helfen ätherische Öle, Tees oder ein Vollbad mit Baldrian, Melisse, Kamille oder Hopfen. Auch mehr Schlaf, Sport oder Saunagänge können zur Linderung beitragen. Langfristig bringen autogenes Training, Entspannungs- oder Atemtechniken mehr. Ziel ist es, das Gedankenkarussell, diese "Was wäre, wenn"-Kette, zu durchbrechen. Dabei kann ein selbstwertstärkender Satz helfen oder die Konzentration auf die eigentliche Aufgabe statt auf die Wirkung.

Über den Umgang mit nervösen Menschen schreibt Adolph Freiherr von Knigge übrigens: "Furchtsame gute Menschen soll man ermuntern, nicht mit übertriebenem Lob, sondern mit wahre Zuneigung verratenden Handlungen." Und nervösen Personen rät er: "Respektiere dich selbst, wenn du willst, dass andere dich respektieren sollen." Wenn’s nur so einfach wär.