Am Ende eines langen Arbeitstages dreht Günther Schuh noch einmal richtig auf und schlüpft in die Rolle des Porschekillers. Er steht vor Deutschlands Wirtschaftselite auf dem Holzparkett des Industrie-Clubs Düsseldorf und geht ein bisschen in die Hocke, die Hände auf ein imaginäres Lenkrad gelegt. Günther Schuh, 2,03 Meter groß, ist jetzt der Fahrer eines e.GO Life, so heißt das Elektroauto, das sein Ingenieurs-Team an der Universität Aachen entwickelt hat. Er stehe bei Rot an der Ampel, und neben ihm solle man sich bitte einen Porsche 911 vorstellen. "Und jetzt versuchen Sie, auf sich aufmerksam zu machen", ruft Schuh, "nicht durch Wumm-Wumm-Wumm, das kann ein Elektroauto nicht, sondern durch einen stieren Blick."

Günther Schuh hat einen leichten Kölner Singsang und klingt an diesem Abend etwas heiser, er wirkt nun fast wie ein Büttenredner. "Bei Grün drücken Sie tüchtig aufs Pedal", sagt er. "Das wird ein bleibendes Erlebnis" – jetzt kommt die Pointe – "für den Porschefahrer." Die Wirtschaftselite amüsiert sich köstlich. Ein Elektro-Kleinwagen hängt einen 911er ab, hahaha!

Im Publikum sitzen Männer und Frauen der Baden-Badener Unternehmergespräche, einer Art Ritterorden für Spitzenmanager. Gesprächsthemen: Dienstwagen, Cochlea-Implantate, Rotary und Lions Club, Industriestandort Deutschland, die Karriere der Kinder, die Bootstour auf dem Baldeneysee. Nun also der Professor und das Elektromobil.

Der e.GO Life beschleunige schneller als ein Porsche, erklärt Günther Schuh, zumindest von 0 auf 50, weil Elektromotoren schon beim Anfahren die volle Leistung ausspielen. Außerdem habe das Auto einen Heckantrieb, das erhöhe den Fahrspaß. Die zweite, unausgesprochene Pointe dieses Abends ist, dass vor dem Club ein Porsche Panamera Plug-in-Hybrid parkt, das teure Executive-Modell. Das Auto gehört, wie sich schnell herumgesprochen hat, dem Professor. Er hat sogar einen Fahrer! Irgendetwas scheint dieser Mann richtig zu machen.

Wer daran gewöhnt ist, in Schubladen zu denken, kann Günther Schuh nur schwer einsortieren. Einerseits lässt er sich im Porsche zu Terminen fahren, verteidigt den Dieselmotor und lobt Angela Merkel in höchsten Tönen. Andererseits schwärmt er vom Grünen-Chef Robert Habeck und preist Elektro-Kleinwagen als Zukunft der Mobilität. Er ist Professor und hat 13 Unternehmen gegründet. Er ist 60 Jahre alt und ein Spielkind, besitzt Motorboot und Motorflugzeug, fährt ab und zu Motorrad und macht Wettrennen mit seinem 14-jährigen Sohn im selbst entwickelten Elektro-Gokart, auch das kann man bei e.GO kaufen. Seine Tochter arbeitet gerade als Praktikantin in der Firma. Einerseits hat er Volkswagen in der Produktionstechnik beraten, andererseits lästert er über den Elektro-Volkswagen "e-up!".

Günther Schuh sagt: "Die Kunst ist nicht, ein Elektroauto zu bauen. Die Kunst ist es, ein bezahlbares Elektroauto zu bauen." Der e-up! kostete bis vor Kurzem 26.900 Euro, jetzt 23.000 Euro. Der e.GO Life kostet 15.900 Euro. Schuh hat nicht nur einen Prototyp gebaut, sondern gleich die passende Fabrik dazu. Im April 2019 soll die Serienproduktion beginnen, mehr als 3.000 Exemplare sind vorbestellt.

Klar, dass Günther Schuh dauernd mit Elon Musk verglichen wird, der aus dem Nichts das Elektroauto Tesla auf die Straße brachte. Die beiden Männer sind zwar so unterschiedlich wie ein Ferrari und ein Volvo, aber in ihrem Fortschrittsoptimismus vergleichbar. Der eine möchte Touristen zum Mond fliegen. Der andere möchte den Deutschen Elektroautos verkaufen. Man kann darüber streiten, welches Ziel ehrgeiziger ist.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

In Deutschland waren zum 1. Juli fast 47 Millionen Pkw angemeldet. 31 Millionen mit Benzinmotor. 15 Millionen mit Dieselmotor. 68.000 ausschließlich mit Elektromotor, das sind 0,14 Prozent.

Der eine Grund, warum die Deutschen kaum Elektroautos kaufen: Sie sind teuer. Man bekommt wenig Auto pro Euro. Der zweite Grund ist die Reichweitenangst. Eine Batterieladung reicht nicht so weit wie eine Tankfüllung Diesel oder Benzin, und die Akkus unterwegs aufzuladen nervt. Tesla begegnet der Reichweitenangst mit großen Batterien und schnelleren Stromladesäulen. Das macht die Autos teuer. Günther Schuh hat einen anderen Plan. Sein Elektroauto soll ein Stadtauto mit kleiner Batterie und einer Reichweite von, je nach Modell, 100 bis 160 Kilometern sein. Das senkt den Preis. Es ist ein Plan der Vernunft. Ingenieurslogik.

Zu dieser Logik gehört eine unbequeme Wahrheit: Elektroautos sind derzeit keine Lösung, um die globale Erwärmung zu bremsen. Die CO₂-Bilanz größerer Modelle ist über den gesamten Lebenszyklus ähnlich miserabel wie die von Benzinern und Dieselautos. Das liegt an der energieintensiven Herstellung der Batterien und dem hohen Kohlestrom-Anteil im Strommix. Wo Elektroautos wirklich helfen: Sie gefährden Menschenleben nur noch durch Unfälle, nicht mehr durch giftige Abgase. Das ist Günther Schuhs Verkaufsargument. Der e.GO soll die Stadtluft entgiften.