Edmund Stoiber gilt nicht als Sexsymbol und ist auch nicht als gewalttätig bekannt. Aber im Mai 2007, als er noch bayerischer Ministerpräsident war, sagte er in einem Interview: "Ich hab’s mir angewöhnt, dass ich jeden Tag in der Früh in den Garten schau und vielleicht eine Blume hinrichte. Ansonsten sag ich meiner Frau, was ich alles tun würde, und dann macht sie es beziehungsweise mit dem Gärtner zusammen." Alles klar, jeder weiß Bescheid: Stoibers Bewusstsein erzählt von der Gartenarbeit, sein Unbewusstes spricht lieber von Sex and Crime. Schönen Gruß von Dr. Freud.

Sigmund Freud muss man niemandem vorstellen. Jeder kennt seinen Namen und sein Konterfei. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die es in die Alltagssprache geschafft haben, auch in den Wortschatz derer, die nie eine Zeile von ihm gelesen haben. Wir benutzen seine Begriffe, um uns selbst und gegenseitig zu analysieren: Verdrängung, Komplexe, freudscher Versprecher. Mehr noch, seine Theorie des Unbewussten strahlte in so unterschiedliche Bereiche ab wie die Soziologie, die Pädagogik, die Politik, die Philosophie, die Literatur und die Theaterwissenschaft. Zu Recht? Ist das Wissenschaft oder Aberglaube? Sollten wir nicht lieber Gehirnforscher danach fragen, was in den Köpfen von Edmund Stoiber und anderen Leuten vor sich geht?

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 1/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

An diesen Fragen hängt einiges. Es geht nicht nur darum, ob der alte Freud recht hatte. Es geht um unser Selbstverständnis: Was für ein Wesen ist der Mensch? Es geht darum, was als normal gilt und was als verrückt, und darum, wie seelisch kranke Menschen behandelt werden sollten.

Als Freud in den 1870er-Jahren in Wien Medizin studierte, kreiste er zunächst in großem Abstand um diese Fragen. Er sezierte Hunderte Flussaale auf der Suche nach ihren Geschlechtsorganen. Er untersuchte das Nervensystem von Krustentieren. Doch es war der Mensch, den Freud verstehen wollte: der biologische Ursprung psychischer Prozesse. Er begann, Kindergehirne zu untersuchen, die er in hauchdünne Schnitte zerlegte und unter Filterpapier trocknete. Er studierte 15 Semester lang.

Grundlagenforschung war damals ein Luxus für Sprösslinge reicher Familien. Freuds Vater jedoch ernährte seine Familie aus Geschäften, die zumindest am Rand der Kriminalität lagen und nicht immer etwas einbrachten. Zudem war er Jude, was seinem Sohn Sigmund in der damaligen Academia das Fortkommen erschwerte, auch wenn dieser den Glauben nicht übernahm.

Irgendwann war es unumgänglich, Geld zu verdienen. Die seit Jahren wartende Verlobte Martha Bernays wollte geheiratet werden. Freud sah ein, dass er praktizierender Arzt werden musste. Nur, was für einer? Er versuchte sich in der Chirurgie, fand sich aber zu ungeschickt. In der inneren Medizin hielt er die Todkranken nicht aus. Auch kranke Kinder schlugen ihm aufs Gemüt, daher ließ er die Pädiatrie wieder sein.

Im Jahr 1886, frisch zurück aus den Flitterwochen, eröffnete Freud seine neurologische Privatpraxis. Er behandelte vor allem Frauen. Hysterie war die Modediagnose jener Zeit, die Patientinnen litten unter Sprachhemmungen, Krämpfen und Halluzinationen von Schlangen und Mäusen. Die Ursache vermuteten viele Mediziner in einer Verengung der Eierstöcke. Kurz nach der Eröffnung seiner Praxis blamierte Freud sich mit einem Vortrag über männliche Hysterie in der Wiener Gesellschaft der Ärzte. "Aber Herr Kollege, wie können Sie solchen Unsinn reden!", rief ein älterer Chirurg. "Hysteron heißt doch der Uterus. Wie kann denn ein Mann hysterisch sein?"

Die Kollegen überwiesen Freud kaum Patienten, die Praxis lief nicht beständig. Mal saß Freud tagelang allein in seinem Behandlungszimmer herum, mal rannten ihm die "Narren", wie er seine Patienten nannte, die Tür ein. Dann arbeitete er bis 22 Uhr in der Praxis, danach noch am Schreibtisch. Wenn ihm die Kraft ausging, energetisierte er sich mit einer Dosis Kokain. Er schätzte die Droge auch als Hausmittel gegen Kopfschmerzen und Erkältungen.