Vor fast 50 Jahren vollbrachte der Homo sapiens ein Kunststück, das aus dem Verlauf seiner Evolution nicht zwingend vorherzusehen war: Er setzte seinen Fuß auf einen fremden Himmelskörper. Am 21. Juli 1969 um 2.56 Uhr Weltzeit betrat er in Gestalt von Neil Armstrong den irdischen Mond. Eine halbe Milliarde Fernsehzuschauer verfolgten den Schritt daheim auf ihrem Planeten.

Von der damaligen Euphorie ist nicht viel übrig geblieben. Viele verweisen auf die immensen Kosten bemannter Raummissionen, die in keinem Verhältnis zu den wissenschaftlichen Erkenntnissen stehen. So viel Aufwand für ein paar Brocken Mondgestein? Und erwähne hier keiner die Teflonpfanne! Die Internationale Raumstation (ISS), die seit dem Jahr 2000 durchgehend bemannt ist – rausgeschmissenes Geld, sagen manche.

In einer reinen Kosten-Nutzen-Rechnung könnte die bemannte Raumfahrt schlecht dastehen. Weitgehend unbeachtet von der Öffentlichkeit hat sie jedoch etwas Hochinteressantes zutage gefördert. Zu besichtigen war dies erst wieder kurz vor dem jüngsten Jahreswechsel, als ISS-Kommandant Alexander Gerst aus der Aussichtskuppel der Raumstation eine Videobotschaft nach unten schickte. In dieser "Nachricht an meine Enkelkinder" schwärmte Gerst, er schaue gerade wieder "auf euren wunderschönen Planeten herunter". Dann sagte er: "Obwohl ich schon fast ein Jahr im All verbracht habe und an jedem einzelnen Tag da runtergeschaut habe, kann ich mich einfach nicht daran sattsehen." Bereits vor dem Abflug zu seiner zweiten Mission hatte er allerdings auch beschrieben, dass aus der Erdumlaufbahn etwa das schockierende Ausmaß der Abholzung des Amazonas-Regenwaldes und die "Explosionen, Raketen, Bomben" in Kriegsgebieten deutlich zu sehen seien. "Bedrückend" nannte Gerst diese Erfahrung.

Kein Zweifel: Seine Monate im All haben Gerst verändert. Wie so viele der fast 550 Astronauten seit Juri Gagarin, die die Erde von außen sehen konnten. Schon Gagarin selbst hatte nach seinem historischen ersten Raumflug 1961 geschrieben: "Ich sah, wie schön unser Planet ist. Leute, lasst uns diese Schönheit erhalten und vermehren, nicht zerstören!"

Der Erste, der solchen und ähnlichen Schilderungen Aufmerksamkeit schenkte, war der US-Publizist Frank White. 1987 prägte er den Begriff "overview effect" für die veränderte Einstellung zu unserem Planeten bei Astronauten, die ihn "von oben" gesehen hatten. Sie ist geprägt von Ehrfurcht vor der Zerbrechlichkeit der Erde, von Empathie für die Menschheit, von einem Gefühl der Einheit.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 2/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

"Dieses Gefühl der Einheit ist nicht bloß eine Beobachtung", sagte der russische Astronaut Juri Artjuschkin. "Darin liegt ein starkes Empfinden von Mitgefühl und Besorgnis über den Zustand unseres Planeten und die Auswirkungen menschlichen Handelns." Es spiele keine Rolle mehr, in welchem Land eine Umweltkatastrophe sich ereignet habe. "Wir wachen über die ganze Erde", so Artjuschkin.

Der kanadische Astronaut Chris Hadfield wird noch drastischer: Da oben gebe es "die anderen" nicht mehr, wenn man alle 15 Minuten über menschliche Städte fliege, die sich aus der Perspektive der Umlaufbahn viel mehr gleichen, als dass sie sich unterscheiden, sei es in Afrika, in Australien oder in Indonesien. "Diese allumfassende Empfindung einer gemeinsamen kollektiven Erfahrung, ein Mensch zu sein, überkommt einen an Bord eines Raumschiffs."

Eine solche Empfindung haben Astronauten verschiedenster Nationalitäten gehabt. "Aus dem Weltraum sah ich die Erde – unbeschreiblich schön, die Wunden durch nationale Grenzen verschwunden", beschrieb es der syrische Astronaut Mohammed Faris. "Wir sind Bürger des Weltalls", formulierte es der Japaner Soichi Noguchi.

Der Weltraum als Teil der Ausbildung des diplomatischen Korps

Keine Grenzen, eine Welt, eine Menschheit, globale Solidarität – was die Astronauten beschrieben, ist im Prinzip nichts anderes als die Vision, die im Gefolge der Französischen Revolution linke Theoretiker im 19. Jahrhundert hochhielten und die heute die Umweltbewegung oder die Bewegung für globale Gerechtigkeit antreiben. Ihren Kern hat der Publizist Carl Amery einmal so zusammengefasst: "Sie stand auf der granitenen Überzeugung: Es reicht für alle." Genau diese Botschaft verbreiten viele Raumfahrer nach ihrer Rückkehr: Wir haben nur diese eine Erde, wir müssen sie gemeinsam bewahren – für alle, die auf ihr leben oder, wie Gerst anmahnt, leben werden.

Nun könnte man einwenden, dass Astronauten nicht dem Durchschnitt der Bevölkerung entsprechen. Sie werden längst auch danach ausgewählt, ob sie teamfähig sind, also eine gewisse Fähigkeit zu Empathie und Selbstbeherrschung haben. Doch selbst egozentrischere Charaktere erlagen dem Overview-Effekt. Alan Shepard etwa, 1961 der erste US-Amerikaner im All, Militärpilot, selbstbewusst bis zur Arroganz. 1971 nahm er dann an der dritten Mondlandung teil. Er habe sich vorher nicht vorstellen können, dass ihn der Anblick der Erde mitnehme, sagte er später. "Aber als ich dann auf dem Mond stand und zum ersten Mal zur Erde zurückschaute, habe ich geweint."

Unser Autor im Licht einer Projektion der startenden Saturn-V-Rakete © David Maupilé

Die Raumfahrtforschung hat den Overview-Effekt lange übersehen. Sie interessierte sich für den Muskelschwund von Astronauten und andere körperliche Veränderungen. Die Nasa untersuchte auch akribisch, welche Fotomotive die Raumfahrer auf ihren Missionen wählten. Wie das, was sie sahen, ihre Weltsicht veränderte, rückt erst jetzt in den Fokus, fast 60 Jahre nach Beginn der bemannten Raumfahrt.

Andrew Newberg, Hirnforscher an der Thomas Jefferson University in Philadelphia, vermutet, dass der Overview-Effekt im sogenannten Scheitellappen des Großhirns entstehen könnte. Diese Gehirnregion ist maßgeblich für die räumliche Wahrnehmung unseres Selbst und unserer Umwelt verantwortlich. "Wir erwarten auch, dass sich die Emotionszentren im Gehirn verändern, die positive Empfindungen wie Ehrfurcht oder Freude auslösen", sagt Newberg. Er will dies demnächst mit Hirnscans von Astronauten, idealerweise während ihres Raumflugs, untersuchen.

Der Anblick des eigenen Heimatplaneten ist jedenfalls eine neue Erfahrung, auf die die Evolution den intelligenten Primaten Homo sapiens nicht vorbereitet hat. "Ich vermute, dass der Kontrast zwischen der krassen Leere des Weltraums und der fragilen Position der kleinen Erde im Universum ein wichtiger Teil des Overview-Effekts ist", sagt der Psychologe David Yaden von der benachbarten University of Pennsylvania. Ein Kontrast, der selbst das Raubein Alan Shepard bewegt hat. Auch Yaden plant eine Studienreihe etwa mithilfe von Virtual Reality, um den Effekt, der Ähnlichkeiten mit Meditationserlebnissen hat, besser zu verstehen.

Als ich zum ersten Mal zur Erde zurückschaute, habe ich geweint.
Alan Shepard, US-amerikanischer Astronaut

Der Overview-Effekt lässt künftige Weltraumhotels in der Erdumlaufbahn in anderem Licht erscheinen. Bislang hatte diese Idee eher den Geruch eines dekadenten Extrakicks für Superreiche. Aber vielleicht könnte ein Weltraumtrip Diplomaten und Staatschefs von ihrem engen Blick auf die Gegenwart befreien? Der Weltraum als Teil der Ausbildung des diplomatischen Korps, zum Wohle der Menschheit.

Die Astronautin Nicole Scott hat diesen Gedanken bereits in dem "call to earth" ausgesprochen, den über ein Dutzend Astronauten den Delegierten der Pariser Klimakonferenz 2015 übermittelten. "Ich glaube, was wir uns alle wünschen, ist, dass Gruppen wie die Ihre ihr Treffen heute im Weltraum abhalten könnten", sagt Scott in dem bewegenden Video. "Das wäre zweifellos eine Ehrfurcht einflößende Ablenkung, aber es gäbe nichts Besseres, um die Bedeutung dessen zu verstärken, was Sie dort heute gemeinsam tun."

Die Quellenangaben zum ZEIT-Wissen-Artikel finden Sie hier.

Anmerkung: In einer früheren Version wurde Chris Hadfield als "US-Astronaut" bezeichnet. Hadfield ist jedoch Kanadier.