Erzähl mir, was du spielst

Kinderspiele haben in der Regel mit Mord und Totschlag zu tun. Eltern müssen ja nicht alles wissen. Auf die Vorlieben der Kinder reagieren die Erwachsenen oft mit Vorschriften und Verboten. Man nennt das Erziehung, inwieweit das Sinn macht oder irgendwelchen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder hat, ist nicht erwiesen. Ich war der Kopf einer Bande an der Gummiwiese in Hirschgarten, Ost-Berlin, unser Treffpunkt war die Trauerweide an der Erpe, einem kleinen schlammigen Fluss, der die Fäkalien der umliegenden Kleingärten in die Spree leitete. Wir führten einen erbarmungslosen Krieg gegen die Kinder auf der anderen Seite des Flüsschens: Wen wir gefangen nahmen, den folterten wir ohne Gnade, wenn wir ihn nicht gleich erschossen und den Blutegeln der Erpe zum Fraß vorwarfen. Wir bauten uns Höhlen aus Ästen und Stroh und beheizten sie mit kleinen Steinöfen, auch auf die Gefahr hin, durch Kohlenmonoxid zu sterben. Aber so wie wir nichts von den Gefahren des Kohlenmonoxids wussten, wussten unsere Eltern nichts von dem, was wir taten. Eine echte Win-win-Situation. Die erste Zigarette, der erste Schluck Pfefferminzlikör, der erste Kuss und mehr. Zwei Welten. Wenn wir von unseren Abenteuern nach Hause kamen, waren wir brave Mitbürger, die ihre Superkräfte draußen gelassen hatten. Draußen! Mama, kann ich raus? Guten Tag, Frau Haußmann, kommt der Leander runter zum Spielen? Sätze und Worte aus der Vergangenheit, einer glorreichen, wunderbaren Jungskindheit, einer, die was mit Tom Sawyer, Winnetou, Rinaldo Rinaldini und Maxwell Smart zu tun hatte.

Als ich ein Kind war, träumte ich davon, so einen silbernen Colt zu besitzen, wie es sie nur drüben gab. Im Westen. Die Pistolen im Osten waren bunter Plastikunsinn. Hilflos bepinselten wir sie mit schwarzer Lackfarbe, um sie echter aussehen zu lassen. Aber das war nicht das Gleiche. Einen Eisenrevolver mit ausschwenkbarer Trommel, von so etwas träumte ich. Von diesen Revolvern, die es im Paradies, da, wo es alles gab, gab: einem Colt, in den man diese roten Knallkränze reintun konnte, zwölf Schuss. Die waren richtig laut. Nicht so wie diese schlappen Knallplätzchen-Rollen.

Aber meine Westtante Erna, die Lehrerin und Christin war, verstand diesen Wunsch nicht. Ein Pelikan-Füller war das höchste der Gefühle. Irgendwann bekam ich dann vom Onkel Enzio zu Weihnachten aber doch einen solchen Colt. So wurde ich zum Anführer meiner Bande, denn manchmal verlieh ich das gute Stück auch. Ich war der King damit. Wir gingen in den nahe gelegenen Wald und lieferten uns Gefechte. Sehr zum Unmut der moralisierenden Erwachsenen. Okay, wir waren immerhin den ganzen Tag an der frischen Luft. Und so viel Moral gab es damals noch nicht, und Pädagogik war ein Fremdwort. Dafür wurde Erziehung großgeschrieben, wobei man das eher mit Dressur verwechselte. Bonanza, Rauchende Colts und Westlich von Santa Fé im Vorabendprogramm machten das Leben eines armen Ostberliner Jungen überhaupt erst lebenswert. Eltern verstanden nichts von dieser Welt. Der Staat und seine Komplizen, die Schulen und die Lehrer versuchten uns zu ködern und unsere Sehnsüchte in für das Gemeinwohl attraktive Beschäftigungen zu kanalisieren: den Staat mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Wir durften mit kleinkalibrigen Kalaschnikows auf dem Schieß- und Übungsplatz der Gesellschaft für Sport und Technik (GST) schießen; eines paramilitärischen Schleifervereins, in dem man uns in unattraktive Uniformen steckte und versuchte, schon aus uns Kindern gute Soldaten zu formen.

Keiner, den ich kannte, hatte auch nur annähernd Bock auf das Ganze. Wir machten Orientierungsübungen im Gelände unter Anleitung des offensichtlich nicht ausgelasteten Vaters meines Mitschülers Holger, der sich in seiner Freizeit die Uniform der Kampftruppen anzog. Essen aus der Gulaschkanone und am Ende ein Abzeichen. Kein Bock. Fahnenappell-Kotz.

Natürlich verstand niemand, schon gar nicht die Erwachsenen, worum es uns tatsächlich ging: um Freiheit. Die Freiheit, von der ich spreche, ist die eigene, ganz für sich definierte, von tief unten kommende. Der Colt ist so ein Zeichen dafür, für die unbegrenzten Möglichkeiten. Ziehen und schießen, schneller sein, sich durchsetzen, sein Ding machen, man selbst sein. Auch wenn es nur in einem kleinen Waldstück zwischen dem Fürstenwalder und dem Müggelseedamm in Berlin-Hirschgarten war: Hier regelten wir die Dinge auf unsere Art.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Gewaltfantasien? Na klar, und was für welche! Mein Teddy konnte ein Lied davon singen. Wenn ich richtig wütend war, bekam er so richtig eine eingeschenkt. Wäre uns der Typ der Fernsehserie Time Tunnel aus der Zukunft erschienen und hätte uns erzählt, es gebe irgendwann mal ein Spiel, das man auf Fernsehern spielt, die so flach sind wie ein Zeichenblock und so groß wie die Wand eines Wohnzimmers, ein Spiel, das man spielen kann wie einen großen epischen Western, in dem man sich in der Landschaft frei bewegt, auf die Jagd geht und angeln, in dem man kriminelle Vorfälle überstehen muss und während all dessen aber nicht vergessen darf, sein Pferd gut zu behandeln und sich zu rasieren, ein Spiel, das die größtmögliche Freiheit für das Publikum eröffnet, indem es den Spieler zum Entdecker und zum Erzähler selbst erhöht, und das alles auf eine so liebevolle und leichte Art, so umfangreich und philosophisch, so unfassbar tief und weit – wenn er uns das alles erzählt hätte: Wir wären direkt durch die schwarz-weiße Time-Tunnel-Spirale gelaufen, die in die jeweilige programmierte Zeit führte, und mit ihm in der Zukunft verschwunden. Im Jahr 2019. Für immer.

Leider musste ich erst so alt werden, wie ich jetzt bin, um in der Zukunft zu landen. Da bin ich jetzt, und ich bin begeistert. Hier muss ich eine kleine Zäsur machen, um tief Luft zu holen. Was ist das verdammt noch mal für ein Spiel, das diese Leute von Rockstar Games kreiert haben? Was für ein Kindheitstraum ist da wahr geworden! Man kann es nicht anders sagen: Das sind die Genies, das sind die großen Erzähler unserer Zeit. Wäre ich noch mal am Anfang, also wäre ich noch mal jung, ich würde Spieleentwickler werden. Ich fürchte nur, man würde mich da nicht aufnehmen. Dieses Spiel ist eine Offenbarung. Es ist ja nicht nur ein spielbares Abenteuer, es ist hochintellektuell, sehr filmisch, und die Dialoge sind vom Feinsten. Bei so manchem langen Ritt wird gequatscht, was das Zeug hält. Dialoge wie die von den Regisseuren Sam Peckinpah und Quentin Tarantino: Man hört die Anleihen, die Zitate, und man ist von heiliger Bewunderung erfüllt.

Ich schloss die Tür und legte ein paar Nazis um

Wenn man diese Offenbarung erlebt hat, treibt es einen zur Missionierung. Dann geht man mit kindlicher Begeisterung von Erwachsenem zu Erwachsenem und versucht jedem einzelnen klarzumachen, dass seine Verweigerung nur ihm selbst schadet. Aber es ist sinnlos. Mensch, Leute, mit dieser Grundhaltung wäre das Christentum niemals entstanden!

Der Antiheld heißt Arthur Morgan. Er ist ein düsterer, zynischer Outlaw, der im Verlauf des Spiels immer mürrischer wird. Zum Ende hin, nach einem Arztbesuch, bekommt er die Nachricht, er habe Tuberkulose. Das bessert seine Laune nicht gerade, die ihm mitgegebene Medizin schon. Arthur Morgan wird morphiumsüchtig. Den ersten Höhepunkt erreicht das Spiel, als Arthur mit seinem Freund, einem farbigen Bandenmitglied, durch ein Saufgelage in einem Saloon mit Blackouts, Schlägerei und anderen Misslichkeiten steuern muss. Die Umgebung ist verzerrt, die Steuerung verschleppt, sodass es einem fast selbst schlecht wird. So müssen wir suchen, nach unseren verlustig gegangenen Kumpeln in einer rassistischen Western-Welt. Nach ein paar besoffenen Schlägereien, Tanzeinlagen und einem verlorenen Colt erbrechen wir uns gemeinsam und haben einen waschechten grauenvollen Hangover, bis wir die beiden endlich wieder ins Lager unserer bunch gesteuert haben, wo wir uns alle gemeinsam erholen können. So ein Erlebnis schweißt einen zusammen.

Ich bin ein Konsolen-Gamer der ersten Stunde. Als das alles mit Nintendo und Super Mario und Prince of Persia Fahrt aufnahm, war ich genauso begeistert wie heute, bei Red Dead Redemption 2.

Als ich Intendant in Bochum war, tauschte ich meine Nintendo-Konsole gegen die erste Playstation und zog mich immer dann in das Intendantenbüro zurück, wenn es mir zu anstrengend wurde, um, ja was? Um nichts Geringeres zu tun, als mit den Alliierten den Zweiten Weltkrieg zu gewinnen, um also die Welt zu retten.

Als ich so um 1997 herum das Theaterstück The Crime of the Twenty-first Century von Edward Bond als Uraufführung inszenierte, saß mir der Autor aus England im Rücken: ein extrem anstrengender, kommunistischer Querulant, der dem Regisseur das Leben schwer machte. "That doesn’t make sense!", rief er bei jeder Regieanweisung den Schauspielern zu und brachte Verwirrung in meine Arbeit. Um mich zu erholen, ging ich wieder in mein Büro, wies die Dame im Vorzimmer an, niemanden zu mir zu lassen, schloss die Tür und legte ein paar Nazis um.

Ich konzentrierte mich auf meine geheimen Missionen, während sie in der Dramaturgie über Realismus und Inszenierungskonzepte grübelten, und dachte: "That doesn’t make sense, but it’s funny."

Immerhin waren diese ersten Medal of Honor-Spiele von keinem Geringeren als Steven Spielberg entwickelt und mit einer raffinierten Storyline ausgestattet worden. Man musste sich nicht nur hinter den feindlichen Linien zu den eigenen Leuten durchschlagen, sondern auch Spionageaufträge erledigen, die brenzlig und spannend waren.

Wie toll, dachte ich dann immer, wer hätte in meiner Kindheit und Jugend jemals gedacht, dass so etwas Tolles noch möglich sein wird. Wer solche Spiele nicht kennt, der weiß nicht, wie wichtig es ist, mit einer Panzerfaust sparsam umzugehen und sie nur dann zu benutzen, wenn sie wirklich gebraucht wird. Dasselbe gilt übrigens auch für Handgranaten.

Schiller würde vor Vergnügen in die Lüfte springen

Durch das Spiel Call of Duty weiß ich nun endlich, wie sich der Weltraum anfühlt. Manches Mal muss ich jubelnd innehalten: Dass ich so was noch erleben darf! Wer jemals eine elektrische Eisenbahn hatte, so raffiniert und komplex sie auch in der Schienenführung ist, sie fährt nur im Kreis. Gähn. Damals strich ich die Schienen mit Duosan Rapid ein, einem Alleskleber, und setzte sie in Brand – und damit beinahe auch mein Kinderzimmer.

Meine Eltern fragten: "Was riecht denn hier so verbrannt?" – "Nichts", antwortete ich, und meine Eltern waren beruhigt.

Es ist mir rätselhaft, wie normale Menschen ein so komplexes Spiel entwerfen können, wie es Red Dead Redemption 2 ist. Und genauso rätselhaft ist es mir, wie es möglich ist, dass nicht alle total begeistert sind davon. Aber so ist es nun mal hierzulande: Was? So was? Nein, das spiele ich nicht! Visier runter.

In diesem Land gibt es Themen, bei denen so viel sträfliche Ahnungslosigkeit herrscht, dass man auf keinerlei Diskussion Lust hat. Mit der Drogenbeauftragten ebenso wenig wie mit Lehrern oder beflissenen Eltern, die man mit ihren Kindern zum Kaffee einladen muss, damit die eigenen Kinder jemanden zum Spielen haben.

Die Stereotype bei den Argumenten nerven nicht nur, sondern sind auch ungerecht den Machern gegenüber und zielen in der Regel an den wirklichen Problemen vorbei. Ego-Shooter, welcher Art auch immer, heißen "Ballerspiele". Sie führen direkt in den Amoklauf, heißt es. Die Streber und Weicheier von damals sind Eltern geworden und haben die Macht übernommen. Während wir in Black Hawk Down unsere Kameraden aus Ländern raushauen, die von Diktatoren und grausamen Tyrannen regiert werden, kreisen sie mit ihren Helikoptern über den Köpfen ihrer Kinder und hindern diese mutwillig an einer freien Entwicklung.

Das gilt nicht nur für die Eltern, die geradezu stolz darauf zu sein scheinen, dass sie nicht wissen, was ihre Kinder da spielen, sondern auch für die entsprechenden Stellen, wie die Drogenbeauftragte und das Bildungsministerium.

Ich erinnere mich noch gut an die dumme Rede vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Deutschen Filmpreis. Sie war eine Mahnung an uns Filmemacher und an die Spieleentwickler. Wir sollten darauf achten, sagte er, wie wir Gewalt darstellen, wir sollten uns ethischen und moralischen Fragen stellen und uns klarmachen, inwiefern wir Verantwortung tragen. Das war direkt nach dem Amoklauf in Erfurt. Keine Rede davon, dass gerade in dieser Gegend Kultureinrichtungen, Jugendclubs und Bibliotheken geschlossen wurden. Aber: Die Ballerspiele sind schuld. Und außerdem: Marihuana ist eine Einstiegsdroge für Heroin, Meth und Ecstasy, was sowieso alles das Gleiche ist. Klar, die Welt der Erwachsenen ist übersichtlich.

Alle Spiele, die ich bisher gespielt habe, übrigens meistens aus der Ego-Perspektive, haben hochkomplexe Inhalte. Und sie stellen Fragen. Und zwar die großen philosophischen Weltfragen. Das Videospiel ist eine moralische Anstalt. Schiller würde vor Vergnügen in die Lüfte springen. Seine Räuber sehen blass aus gegen die Outlaws der Dutch-van-der-Linde-Bande aus Blackwater in dem Spiel Red Dead Redemption 2. Gegen Uncle, Javier Escuella, Hosea Matthews, Micah Bell, Dutch van der Linde, Arthur Morgan sind Schillers Räuber Roller, Schweizer, Kosinsky und Karl Moor Langweiler, die uns in altjüngferlichem Literaturunterricht das Leben schwer machen.

Die Helden der Spiele müssen sich nicht nur mit dem blanken Überleben herumschlagen, sondern auch mit der Frage, welches Handeln das richtige, was gut und was böse ist. Als ich einmal einen Maultrommelspieler, der in Strawberry am Bahnhof saß, erschoss, einfach so aus Übermut, hatte das schwerwiegende Folgen: Das Leben im Wilden Westen wurde mir schwer gemacht, jeder Sheriff im weiten Umkreis war mir auf den Fersen, Charakterpunkte wurden mir abgezogen, und die Bevölkerung half mir nicht.

Wenn Arthur Morgan etwas tut, ob richtig oder falsch, hat das Konsequenzen. Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es aus ihm heraus. Wenn du etwas Schlechtes tust, wird das Folgen haben. Gutes natürlich auch. So wie im richtigen Leben.