Durch das Spiel Call of Duty weiß ich nun endlich, wie sich der Weltraum anfühlt. Manches Mal muss ich jubelnd innehalten: Dass ich so was noch erleben darf! Wer jemals eine elektrische Eisenbahn hatte, so raffiniert und komplex sie auch in der Schienenführung ist, sie fährt nur im Kreis. Gähn. Damals strich ich die Schienen mit Duosan Rapid ein, einem Alleskleber, und setzte sie in Brand – und damit beinahe auch mein Kinderzimmer.

Meine Eltern fragten: "Was riecht denn hier so verbrannt?" – "Nichts", antwortete ich, und meine Eltern waren beruhigt.

Es ist mir rätselhaft, wie normale Menschen ein so komplexes Spiel entwerfen können, wie es Red Dead Redemption 2 ist. Und genauso rätselhaft ist es mir, wie es möglich ist, dass nicht alle total begeistert sind davon. Aber so ist es nun mal hierzulande: Was? So was? Nein, das spiele ich nicht! Visier runter.

In diesem Land gibt es Themen, bei denen so viel sträfliche Ahnungslosigkeit herrscht, dass man auf keinerlei Diskussion Lust hat. Mit der Drogenbeauftragten ebenso wenig wie mit Lehrern oder beflissenen Eltern, die man mit ihren Kindern zum Kaffee einladen muss, damit die eigenen Kinder jemanden zum Spielen haben.

Die Stereotype bei den Argumenten nerven nicht nur, sondern sind auch ungerecht den Machern gegenüber und zielen in der Regel an den wirklichen Problemen vorbei. Ego-Shooter, welcher Art auch immer, heißen "Ballerspiele". Sie führen direkt in den Amoklauf, heißt es. Die Streber und Weicheier von damals sind Eltern geworden und haben die Macht übernommen. Während wir in Black Hawk Down unsere Kameraden aus Ländern raushauen, die von Diktatoren und grausamen Tyrannen regiert werden, kreisen sie mit ihren Helikoptern über den Köpfen ihrer Kinder und hindern diese mutwillig an einer freien Entwicklung.

Das gilt nicht nur für die Eltern, die geradezu stolz darauf zu sein scheinen, dass sie nicht wissen, was ihre Kinder da spielen, sondern auch für die entsprechenden Stellen, wie die Drogenbeauftragte und das Bildungsministerium.

Ich erinnere mich noch gut an die dumme Rede vom damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem Deutschen Filmpreis. Sie war eine Mahnung an uns Filmemacher und an die Spieleentwickler. Wir sollten darauf achten, sagte er, wie wir Gewalt darstellen, wir sollten uns ethischen und moralischen Fragen stellen und uns klarmachen, inwiefern wir Verantwortung tragen. Das war direkt nach dem Amoklauf in Erfurt. Keine Rede davon, dass gerade in dieser Gegend Kultureinrichtungen, Jugendclubs und Bibliotheken geschlossen wurden. Aber: Die Ballerspiele sind schuld. Und außerdem: Marihuana ist eine Einstiegsdroge für Heroin, Meth und Ecstasy, was sowieso alles das Gleiche ist. Klar, die Welt der Erwachsenen ist übersichtlich.

Alle Spiele, die ich bisher gespielt habe, übrigens meistens aus der Ego-Perspektive, haben hochkomplexe Inhalte. Und sie stellen Fragen. Und zwar die großen philosophischen Weltfragen. Das Videospiel ist eine moralische Anstalt. Schiller würde vor Vergnügen in die Lüfte springen. Seine Räuber sehen blass aus gegen die Outlaws der Dutch-van-der-Linde-Bande aus Blackwater in dem Spiel Red Dead Redemption 2. Gegen Uncle, Javier Escuella, Hosea Matthews, Micah Bell, Dutch van der Linde, Arthur Morgan sind Schillers Räuber Roller, Schweizer, Kosinsky und Karl Moor Langweiler, die uns in altjüngferlichem Literaturunterricht das Leben schwer machen.

Die Helden der Spiele müssen sich nicht nur mit dem blanken Überleben herumschlagen, sondern auch mit der Frage, welches Handeln das richtige, was gut und was böse ist. Als ich einmal einen Maultrommelspieler, der in Strawberry am Bahnhof saß, erschoss, einfach so aus Übermut, hatte das schwerwiegende Folgen: Das Leben im Wilden Westen wurde mir schwer gemacht, jeder Sheriff im weiten Umkreis war mir auf den Fersen, Charakterpunkte wurden mir abgezogen, und die Bevölkerung half mir nicht.

Wenn Arthur Morgan etwas tut, ob richtig oder falsch, hat das Konsequenzen. Wie du in den Wald hineinrufst, so schallt es aus ihm heraus. Wenn du etwas Schlechtes tust, wird das Folgen haben. Gutes natürlich auch. So wie im richtigen Leben.