Gleichen wir diese Zahlen mit dem Flugverkehr ab und nehmen wir einmal an, alle Deutschen hätten sich an Silvester 2015 dazu entschlossen, ab dem darauffolgenden Neujahrsmorgen ein Jahr lang kein Flugzeug zu betreten. Hätten sich zu einem Konsumentenstreik gegen die Luftfahrt entschlossen, inklusive Frachtflügen. Wie viele deutsche Emissionen hätten sie im Jahr 2016 damit eingespart? Antwort: 3,2 Prozent. In jenem Jahr lagen die Treibhausgas-Emissionen aus der Verbrennung fossiler Energieträger – Kohle, Öl, Gas – in Deutschland bei 83,5 Prozent des gesamten CO₂-Ausstoßes. Ein Fünftel davon entfiel auf die Stromerzeugung mittels Braunkohle.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ich fordere keinen bedingungslosen Freispruch für Flugreisen. Von Hamburg nach Frankfurt zu fliegen ist unsinnig, wenn man im Vergleich mit der Bahn für eine Dreiviertelstunde Zeitgewinn 1400-mal so viel CO₂ ausstößt (bit.ly/HH-Ffm, Ökostrom vorausgesetzt). Fragwürdig ist auch, ob man jedes zweite oder dritte Wochenende quer durch die EU fliegen muss, um für 48 Stunden zu shoppen oder Party zu machen.

In der Debatte Fliegen versus Klimawandel geht es aber nicht mehr um derartige Differenzierungen. In ihr haben sich Begriffe festgesetzt, die moralisch, teilweise schon religiös geprägt sind. Da ist von "Klimafrevel" oder "Klimasünde" die Rede. Zu Beginn der diesjährigen katholischen Fastenzeit am 6. März verbreitete sich in den Medien die Idee, bis Ostern auf Flugreisen zu verzichten. "Wenn Klimafasten dafür ein Anfang ist, dann begrüßt Greenpeace das ausdrücklich", zitierte etwa das Handelsblatt einen Greenpeace-Experten. Wenn die Debatte so geführt wird, dann läuft etwas schief, würde ich da gerne einwerfen.

Die Vorstellung zu fliegen hat die Menschheit seit je fasziniert. Auch dass der Mensch sich im Fliegen in unguter Weise über die Natur erhebt, wird in zahlreichen Mythen behandelt. Im frühen Christentum kommt ein weiterer Vorbehalt gegen das Fliegen auf. Es wurde ein "göttliches Attribut", schreibt der Historiker Wolfgang Behringer. Wenn ein Mensch sich in die Lüfte erheben wollte, konnten nur Dämonen im Spiel sein. Diese Vorstellung hielt sich: Im Spätmittelalter geisterte sie als "Hexenflug" durch die Köpfe und wurde zum tödlichen Vorwurf gegen Frauen während der Hexenverfolgung.

Solche kruden Gedanken mögen die Rede vom "Klimafrevel" zwar nicht motivieren, sie ist wohl eher gedankenlos plakativ. Aber die inzwischen vehemente Geißelung von Flugreisen hat durchaus Anklänge an ältere Debatten über den Widerspruch zwischen Reisen und Naturschutz, wie sie in Deutschland etwa Ende des 19. Jahrhunderts geführt wurden. Ernst Rudorff, der als einer der Vordenker des Naturschutzes gilt, kritisierte bereits 1880 am Tourismus den "fatalen Beigeschmack der Geschäftsmäßigkeit". Rudorff warnte in seinem Manifest vor einem "Reisepöbel", vor dem die Natur zu schützen sei. Zehn Jahre später prägte er noch den unappetitlichen Begriff "Heimatschutz".

Hier tut sich eine bemerkenswerte Parallele auf: So wie sich zu Rudorffs Zeiten die Möglichkeit des Reisens – wenn auch noch nicht der Fernreise – für Arbeiter eröffnet hatte, hat der Preisverfall in der Luftfahrt die Flugreise demokratisiert. Was sich noch in den 1980ern nur begüterte Schichten leisten konnten, ist heute für immer mehr Menschen erschwinglich. Seit 1950 ist nach Angaben der Internationalen Luftfahrtorganisation ICAO der durchschnittliche Preis für Flugreisen auf ein Siebtel gesunken. Die reisebegeisterten Deutschen haben sich nicht lange bitten lassen. Im Jahr 2016 gingen 114 Millionen Passagiere mit deutschem Pass an Bord. International fällt dies kaum ins Gewicht: Es waren ganze drei Prozent von 3,8 Milliarden Passagieren.

All diese Menschen sind jedoch nicht einfach einer neuen Lust am Reisen erlegen. Wer in ein Flugzeug steigt, ist nicht automatisch ein Tourist. Im Zeitalter der Globalisierung gewinnt eine Gruppe von Passagieren an Bedeutung, die von Statistikern und Wissenschaftlern lange Zeit übersehen wurde: die sogenannten VFR-Passagiere. VFR steht für visiting friends or relatives – Besuche von Freunden und Verwandten, die in einem anderen Land leben. Wie groß der Anteil der VFR-Passagiere ist, darüber gibt es kaum aussagekräftige Zahlen. Allein am Londoner Flughafen Gatwick machten sie bereits 2010 immerhin schon knapp ein Viertel aller Fluggäste aus. Es sind weltumspannende Familiennetze ebenso wie der zunehmende Tourismus aus den sogenannten Schwellenländern, allen voran China und Indien, die den globalen Flugverkehr bis auf Weiteres um vier Prozent jährlich wachsen lassen. Der Anteil der Businessflüge hingegen nimmt seit Jahren ab.