Neulich in einem Restaurant: Ich sitze mit Bekannten zusammen, die für eine Umweltorganisation arbeiten. Wir sprechen über nachhaltigen Konsum. Und ich erzähle arglos von meinen Eindrücken aus den Konsumtempeln in Tokio, wo ich kurz zuvor gewesen bin. Bei einigen meiner Gesprächspartner legt sich die Stirn in Falten. "Du bist nach Tokio geflogen?" Das könne man eigentlich nicht mehr machen. Flugreisen seien doch dermaßen klimaschädlich. Und Interkontinentalflüge erst. Dann folgt ein mea culpa, als reihum zähneknirschend berichtet wird, in den vorangegangenen zwölf Monaten auch selbst geflogen zu sein. Zu einer Konferenz. In den Urlaub. Reue macht sich am Tisch breit.

Natürlich hat diese Reue einen Grund. Jede Tonne CO₂, die ein Mensch in die Atmosphäre einbringt, lässt drei Quadratmeter Eis in der Arktis schmelzen, haben die Klimaforscher Dirk Notz und Julienne Stroeve 2016 im Wissenschaftsmagazin Science vorgerechnet. Ich schaue im CO₂-Rechner des Umweltbundesamtes nach. Mein jüngster Urlaubsflug nach Griechenland: 1,16 Tonnen CO₂ für Hin- und Rückflug. Und mein Tokio-Trip erst: 5,53 Tonnen CO₂ – das sind 16,5 Quadratmeter arktisches Eis, die meinetwegen geschmolzen sind. Der Schluss liegt da nahe: Fliegen ist Wahnsinn. Doch ich halte diesen Schluss für falsch. Ich behaupte sogar, dass sich die Debatte auf dem Holzweg befindet, wenn sie die Verantwortung für den Klimawandel beim Individuum ablädt. Vor allem verkennt sie, dass das Fliegen eine der erstaunlichsten Kulturtechniken des 20. Jahrhunderts ist – die im globalisierten 21. Jahrhundert nicht leichtfertig verboten werden sollte.

Ich werfe noch einmal einen Blick in den CO₂-Rechner. Dort lerne ich, dass im Schnitt jeder Bundesbürger pro Jahr 11,6 Tonnen CO₂ ausstößt. Darin sind andere Treibhausgase wie Methan, Stickoxide oder Ozon mit eingerechnet. Mit meinen beiden Flugreisen ist meine Emissionsbilanz ruiniert: Energiesparlampen, Ökostrom, Fahrradfahren, vorwiegend regionale Produkte – all die Einsparungen sind schlagartig dahin, aufgezehrt von einem Block Flugreisen, der mehr als die Hälfte meiner persönlichen Jahresemissionen ausmacht, ausgestoßen in wenigen Stunden über den Wolken.

Was würde passieren, wenn alle diesen CO₂-Block aus ihren Bilanzen radikal eliminieren und nicht mehr fliegen würden? Die nüchterne Antwort lautet: so gut wie gar nichts. Der weltweite Flugverkehr war 2014 für zwei Prozent der gesamten Treibhausgas-Emissionen weltweit verantwortlich, wie Steven Davis von der University of California in Irvine im vergangenen Jahr mit einem 32-köpfigen Forscherteam analysiert hat. Zwei Prozent. Zum Vergleich: Die globale Zementproduktion trug im selben Jahr vier Prozent der Emissionen bei, die weitere Bauindustrie gar zehn Prozent. Haben Sie je einen Appell vernommen, den Wohnungsbau zu stoppen? Selbstverständlich nicht. Niemand würde so etwas fordern. Häuser müssen schließlich gebaut werden, und der Wohnraum ist schon knapp genug.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Und doch: "Flugverkehr ist Klimakiller Nr. 1", war sich 2002 Klaus Brunsmeier – damals Landesvorsitzender des BUND in Nordrhein-Westfalen – im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung sicher. Oft wiederholt, ist diese plakative Aussage seitdem für viele umweltbewegte Zeitgenossen zur Gewissheit geworden. Aber sie stimmt hinten und vorn nicht. Sie verkennt erstens, dass der Klimawandel ein Problem der modernen Zivilisation ist. Er ist historisch nicht das Ergebnis des Fehlverhaltens von Individuen, sondern einer inzwischen globalen Wirtschaftsweise, die aus ihrer inneren Logik ihre Produktion Jahr für Jahr steigern muss. Dieses Wachstum gründet sich seit dem 19. Jahrhundert auf die Verbrennung fossiler Energieträger in sämtlichen Bereichen der Wirtschaft. Wenn überhaupt, könnte deshalb der Titel "Klimakiller Nr. 1" der fossilen Stromerzeugung gebühren: Zu diesem Zweck wurden im Jahr 2014 weltweit 38 Prozent aller Treibhausgase ausgestoßen. Strom aus Kohle, Strom aus Öl, Strom aus Erdgas. Betrachten wir nur Deutschland: Allein die Stromproduktion aus Braunkohle, dem klimaintensivsten Energieträger, war 2016 für einen Ausstoß von 153 Millionen Tonnen CO₂ verantwortlich. Die Flugreisen der Deutschen im selben Jahr stehen für 28,8 Millionen Tonnen CO₂, In- und Auslandsflüge zusammengerechnet. Auch hier muss man feststellen: Es reicht nicht, wenn jeder für sich auf Ökostrom umsteigt. Das haben etliche Bundesbürger längst getan. Dennoch wird weiterhin Kohlestrom produziert. Die CO₂-Emissionen drastisch zu senken wird nicht gelingen, wenn sich nur die individuelle Nachfrage der einzelnen Verbraucher ändert. Wenn der Klimawandel eine Folge des Wirtschaftssystems ist, braucht es politische Entscheidungen, die dieses System ändern. Und die wir alle forcieren müssen.

Dass solche Entscheidungen nachhaltige Auswirkungen haben können, zeigt der Kohleausstieg, den die britische Politik 2013 eingeleitet hat. Auf jede Tonne CO₂, für die britische Stromerzeuger im europäischen Handelssystem für CO₂-Emissionen Zertifikate kaufen mussten, schlug die britische Regierung eine Sonderabgabe von rund 20 Euro auf. Die Folge: Der Anteil des Kohlestroms sank von 2014 bis 2016 von 30 auf neun Prozent – in Deutschland nur von 43 auf 40 Prozent. Großbritannien konnte in diesem Zeitraum 47 Prozent seiner CO₂-Emissionen aus der Stromerzeugung einsparen – Deutschland nur vier.