Philip Zimbardo braucht zwei Stunden, um von den Abgründen der Menschheit zu ihren Lichtgestalten zu kommen, von den Nazis zu Nelson Mandela. Normalerweise schafft er es in der halben Zeit, aber an diesem Tag steht ein Dolmetscher auf der Bühne, der seine Worte ins Ungarische übersetzt. Man fragt sich nur, wie Zimbardo das durchhalten soll. Seine Wangen sind eingefallen, beim Gehen braucht er einen Krückstock, den Vortrag hält er im Sitzen. Dieser Mann ist 85 Jahre alt, und das sieht man.

Aber schnell wird klar, dass am Ende nicht Philip Zimbardo erschöpft sein wird, sondern der Dolmetscher. Man solle während des Vortrags nicht fotografieren, bittet Zimbardo, dafür gebe es anschließend genug Zeit. Dann spielt er ein paar Takte von Santana ab und groovt mit dem Oberkörper. You’ve got to change your evil ways, baby. And every word that I say, it’s true. Er sagt, seine Vorlesungen an der Stanford University habe er immer mit Musik eingeleitet.

Dieser Text stammt aus dem ZEIT WISSEN Magazin 3/19. Das aktuelle Heft können Sie am Kiosk oder hier erwerben.

Willkommen im Köfém Klubház, einem Kulturzentrum im Industriegebiet von Székesfehérvár, eine Autostunde von Budapest entfernt. Im Saal sitzen rund 250 Zuhörer, vor allem Schulkinder, aber auch Angestellte des benachbarten Aluminiumwerks. Zimbardo wird ihnen einiges zumuten, seine Festplatte ist voller Grausamkeiten. Dieser Mann hat eine Mission, und die wird durch eine Spinalstenose der Wirbelsäule nicht eingeschränkt. Seine Botschaft lautet, kurz gefasst: Du wirst nicht zum Helden geboren und auch nicht zum Bösewicht. Du wirst dazu gemacht: durch die Situation, durch die anderen, durch das System.

Es gibt die Banalität des Bösen, verkörpert vom SS-Bürokraten Adolf Eichmann, der während der Nazi-Zeit die Ermordung von Millionen Juden organisierte. Für Philip Zimbardo gibt es auch eine Banalität des Guten: Du kannst lernen, in brenzligen Situationen das Richtige zu tun. Es geht nicht um Superman oder Wonder Woman, sondern um die Helden des Alltags. Er sagt: "Jeder von euch kann ein Held sein. Helden erzeugen einen Dominoeffekt in der Gesellschaft und vermehren das Gute in der Welt." Das ist jedenfalls der Plan.

Philip Zimbardo © Dave Kotinsky/Getty Images

Berühmt wurde Philip Zimbardo mit dem Stanford-Prison-Experiment: 1971 baute er im Keller des Psychologischen Instituts ein Gefängnis nach und teilte 24 Studenten per Zufall in Gefangene und Wärter ein. Er selbst spielte den Direktor. Innerhalb weniger Tage verwandelten sich die Wärter in Sadisten. Sie legten aufmüpfige Häftlinge in Ketten, ließen sie Liegestütze machen und kürzten ihre Essensrationen. Sie setzten den Gefangenen Papiertüten auf den Kopf und nötigten sie zum Toilettengang im Gänsemarsch. Vier Studenten erlitten einen Nervenzusammenbruch.

Das Experiment sollte zwei Wochen dauern. Nach fünf Tagen brach Zimbardo es ab. Für seine wissenschaftliche Karriere war das kein Nachteil, im Gegenteil. Er war nun der Experte für das Böse und forschte vier Jahrzehnte lang als Professor für Sozialpsychologie an der Stanford University.

Dieser Mann also ist nach Székesfehérvár gekommen, in die Geburtsstadt von Regierungschef Viktor Orbán, eingeladen von der Stiftung des Aluminiumkonzerns Arconic. Die Kinder im Hörsaal sollen Ungarn zu einem besseren Ort machen, und Zimbardo erklärt ihnen, wie das geht. Auch das ist ein Experiment. Vielleicht sein letztes.

Es geht darum, die Jugendlichen mithilfe von Erkenntnissen aus der Sozialpsychologie zu hilfsbereiten und empathischen Menschen zu machen. Zu Menschen, die sich einsetzen gegen Rassismus, Antisemitismus, Mobbing. Zimbardo hat dafür ein Training entwickelt, das er seit ein paar Jahren in der Welt verbreitet. "Heroic Imagination Project" (HIP) heißt das Programm. In Polen und im Iran gibt es Ableger, in Großbritannien und auch auf Sizilien, wo seine Familie ihre Wurzeln hat. In Österreich soll es bald starten, in Deutschland trägt der Verein "Helden" die Ideen weiter.