Der Mensch sei ein Mängelwesen, schrieb der Philosoph Arnold Gehlen 1940. Darin scheint der Fortschrittsmythos zu gründen: Weil seine in der Evolution entwickelten Organe zu schwach sind, versucht der Mensch, diesen Mangel mittels Technik auszugleichen. Dumm nur: Zahlreiche Probleme, denen er sich gegenübersieht, hat der Mensch sich selbst eingebrockt. Also setzt er seine technische Fantasie in Bewegung, um ein Ding zu erfinden, das es besser kann als er. Und immer nagt der Zweifel weiter: Ist das schon gut genug, oder kann man das noch besser machen? Zum Beispiel: Das Feuerzeug

Das Problem

Als der junge Homo sapiens vor 300.000 Jahren durch Afrika streifte, stand er bereits auf den Schultern von Riesen. Wenn auch nicht hochgewachsen, hatten seine evolutionären Vorfahren schon vor über einer Million Jahren den Nutzen des Feuers entdeckt. In der späten Altsteinzeit (Jungpaläolithikum) begann der moderne Mensch, Zeug zum Feuermachen mit sich herumzutragen: In Beuteln verwahrte er Feuersteine, Schwefelkies und Zunder – gewonnen aus dem Zunderschwamm, einem an Bäumen wachsenden Pilz –, mit denen sich bei Bedarf ein Feuer entzünden ließ. Außerhalb Europas wurden auch Hölzer zum Feuerbohren verwendet. Der Grieche Ktesibios entdeckte bereits vor 2250 Jahren, dass Funken entstehen und brennbares Material entzünden können, wenn man Luft in einem Kolben sehr stark und sehr schnell komprimiert. Aber seine Entdeckung verbreitete sich nicht.

Ist das schon gut genug?

Feuer mithilfe von "Feuerzeugs" wie Schwefelkies und Zunder zu machen blieb eine Tätigkeit, die handwerkliches Geschick und Ausdauer erforderte. Im 18. Jahrhundert entdeckten der Italiener Agostino Ruffo und kurz darauf der Franzose Charles-François Dumouriez das Verfahren von Ktesibios wieder, aber der große Wurf war das noch nicht. Der gelang 1823 Johann Wolfgang Döbereiner. Der Sohn eines Kutschers hatte sich nach einer Apothekerlehre zu einem brillanten Chemiker gemausert. Mit dem 20 Jahre älteren Goethe stand er in regem Briefkontakt, und er war es, der ihn ermunterte, mit dem Metall Platin zu experimentieren. Döbereiner entdeckte, dass Schwefelsäure und Zink in einer Glasflasche Wasserstoffgas bilden. Er leitete es über ein Ventil auf ein Platinplättchen, und an diesem vollzog sich eine katalytische Reaktion: Der Wasserstoff reagierte mit Luftsauerstoff, verbrannte also. In diese Verbrennung konnte man nun etwa Holzspäne halten, die sich entzündeten. Von 1827 an verbreitete sich Döbereiners Erfindung als Tischfeuerzeug in der besseren Gesellschaft Mitteleuropas. Weniger Betuchte benutzten ein schlichteres Feuerzeug, das etwa zur selben Zeit von dem Briten John Walker entwickelt worden war: das moderne Streichholz, das sich mittels Reiben selbst entzündet. Das handwerkliche Feuermachen der Jahrtausende vorher war damit überflüssig geworden.

Ist es jetzt gut genug?

Noch nicht. Das Döbereiner-Feuerzeug konnte man nicht mit sich tragen, Streichhölzer blies ein Luftzug aus. Ein Taschenfeuerzeug der US-Firma Repeating Light von 1865 setzte sich nicht durch. Dann entdeckte der österreichische Chemiker Carl Auer von Welsbach 1903, dass eine Mischung aus 70 Prozent Eisen und 30 Prozent Cer leicht Funken produziert, wenn man darüberreibt. Schon bald wurden erste Feuerzeuge hergestellt, in denen ein Reibrad aus einem Cereisen-Bolzen den entscheidenden Funken schlug, der einen in Rohbenzin getränkten Docht entzündete. Der war zudem deutlich billiger als herkömmliche Feuersteinchen. Nach diesem Prinzip konstruierte der Amerikaner George Blaisdell ein Feuerzeug, das ab 1933 zum Massenprodukt wurde: das Zippo. Es ließ sich locker mit einer Hand bedienen, die Flamme ging dank einer durchlöcherten Umhüllung des Dochts im Wind nicht aus. Und Blaisdell gab seinen Kunden eine lebenslange Garantie auf das Gerät. Spätestens als James Dean sich in ... denn sie wissen nicht, was sie tun mit einem Zippo Zigaretten anzündete, war es Pop. Im Vietnamkrieg wurde es indes zur Waffe, mit der US-Soldaten Dörfer in Brand steckten. "Zippo squad" wurde zum Begriff für diese mordbrennenden Einheiten.

Und nun? Endlich fertig?

Rund 600 Millionen Zippos sind bis heute produziert worden. Aber natürlich geht die Geschichte noch weiter. Die britische Firma Colibri entwickelte 1961 einen neuen, piezoelektrischen Zündmechanismus. Trifft ein Bolzen auf ein kleines Stück Quarz oder einen Blei-Zirkonat-Titanat-Kristall, entsteht im Kristallgitter durch die Verformung kurzzeitig eine elektrische Spannung von mehreren Tausend Volt. Diese kann zwischen zwei Metallkontakten einen Funken schlagen, der Gas entzündet. Heutige Grill- oder Gasherd-Anzünder arbeiten nach diesem Prinzip. Als Massenprodukt löste ein anderes Modell das Zippo ab: das Wegwerf-Feuerzeug Bic, 1973 von der gleichnamigen französischen Firma herausgebracht. Als Brennstoff im Tank mit dem charakteristischen ovalen Querschnitt dient Butangas. Das Bic, ein klassisches Reibrad-Feuerzeug, ist bis heute schätzungsweise 34 Milliarden Mal produziert worden. Recyceln lässt es sich nicht, und an so manchen Stränden der Welt wird es als Plastikmüll angespült.

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