Friedrich Nietzsche – Seite 1

Wer im Sommer 1881 am Ufer des Silvaplanersees im Engadin flanierte, traf dort vielleicht einen einsamen Spaziergänger mit irrem Blick und einem mächtigen Schnurrbart, der schlechte Zähne verdeckte: Friedrich Nietzsche, entpflichteter Professor der Universität Basel und jetzt "Fugitivus errans", wie er sich selbst nannte, umherirrender Flüchtling.

Auf der Suche nach einem erträglichen Klima reiste er kreuz und quer durch Europa. Nördlich der Alpen ist es ihm im Winter zu kalt, in Venedig zu feucht. In Genua stört ihn die "unstäte Bewölkung". In Nizza raubt ihm die Frühlingshitze "den Muth und die Kraft des Willens". Postkarten von seinen Reisen künden von unaufhörlichen Kopfschmerzen und Brechanfällen. Immer wieder zieht es ihn ins Engadin.

Hier entwickelte er sein berüchtigtes Konzept des Übermenschen. Hier kam ihm sein "schwerster Gedanke", wie er ihn später nannte, der Gedanke der ewigen Wiederkunft: Die Menschheitsgeschichte wiederholt sich immer von Neuem. Die Ideen des Übermenschen und der ewigen Wiederkunft werden die Grundpfeiler seines Werks Also sprach Zarathustra, das 1883 erscheint.

Zu Lebzeiten war Nietzsche ein Niemand. Seine Bücher verkauften sich miserabel, seine Kollegen ignorierten ihn. Heute ist er ein Star. Politiker berufen sich auf ihn, Hollywood-Autoren zitieren ihn. Nichts davon hätte er wohl gern gesehen, aber er wäre kaum überrascht gewesen. Seine wuchtige Sprache lockt jeden, der Eindruck machen will. Wer sich aber gründlicher auf seine Gedanken einlässt, dem kann er helfen, unsere Zeit des Populismus und des moralischen Individualismus besser zu verstehen.

Nietzsche interessierte sich für die Lüge, für das Hässliche, für den Neid. Er war der erste Philosoph, der sich dem "Tod Gottes" stellte: dem Verlust eines einzigen religiösen Glaubens, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Er wusste, dass dieser Verlust für viele Menschen die Welt zusammenbrechen lassen würde, ihr Verständnis von Sinn und Moral. Wie sollen wir leben, wenn Gott es uns nicht mehr vorschreibt?

Er betrachtete die Menschheitsgeschichte als ewigen Kampf zwischen Herrschern und Beherrschten um die richtigen Werte. In seiner Genealogie der Moral (1887) entwickelt er eine Theorie darüber, wie die Konzepte des Guten und Bösen entstanden sind. In der Antike hätten sie eine einfache Bedeutung gehabt, glaubte er, nämlich im Sinne der Reichen und Mächtigen. Was ihnen nutzte, galt als gut, was ihnen schadete, als schlecht. Das Gute stand synonym für die Werte der Aristokraten: Siege, Wissen, Ruhm, sexuelle Freizügigkeit. Doch die Unterdrückten begehrten auf, die "Sklaven" oder die "Herde", wie Nietzsche sie nannte. Ihnen fehlten die Mittel, um die Herrschaft abzuschütteln, also versuchten sie es mit einem Trick: Sie gaben den Mächtigen die Schuld. Sie machten ihnen ein schlechtes Gewissen. Die wichtigste Waffe in diesem Kampf ist laut Nietzsche die christliche Lehre. Sie ist die Rache der Unterdrückten, ein Teufelsinstrument, um den Mächtigen Schuldgefühle zu machen.

Das Christentum stellte die Werte auf den Kopf. Plötzlich ist alles, was die Herrschenden verkörpern, schlecht und alles am Dasein der Herde gut. Armut ist edel. Unbildung ist Lauterkeit. Zu wenig Sex ist Keuschheit. Zu schwach zu sein, um sich zu rächen, ist Vergebung. Das Reich Gottes gehört den Verlierern!

Doch eine Gesellschaft, die den allgegenwärtigen Neid verleugnet, ist krank. "Ressentiment" nannte Nietzsche das Gefühl der Demütigung, das ein Mensch verspürt, wenn er etwas begehrt, aber nicht haben kann. "Der Mensch des Ressentiment ist weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu", schrieb er, "seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen." Nietzsche selbst dürfte Neid nicht fremd gewesen sein. Er hatte wenig Geld, Sex und Anerkennung. Aber er wollte es nicht schönreden. Er gestand sich ein, lieber schöner, stärker und mächtiger sein zu wollen. Eine Gesellschaft voller Egoisten, die sich mitfühlend und solidarisch geben, hätte er verachtet.

Jeder kann sich den Nietzsche zusammenbasteln, der ihm passt

Wem an Logik liegt, der wird an Nietzsches Werk keine Freude haben. Es strotzt vor Ungereimtheiten. Einerseits zum Beispiel verkündete Nietzsche den "Willen zur Macht". Der Mensch ist einer, der die Welt, in der er lebt, gestalten will, statt nur von ihr gestaltet zu werden – der sich verwirklichen will. Andererseits verkündete Nietzsche den Amor Fati: die Liebe zum Schicksal. Bejahe die Wirklichkeit so, wie sie ist!

Nietzsche scherte sich wenig um solche Widersprüche. Er wollte kein Theoriegebäude errichten, sondern den Menschen in ihrem Ringen um ein würdiges Dasein helfen. Aber damit setzte er sich der Gefahr aus, missbraucht zu werden. Jeder kann sich den Nietzsche zusammenbasteln, der ihm passt. So wie vor 80 Jahren die Nationalsozialisten, die Nietzsche zur Rechtfertigung ihrer Rassenideologie heranzogen. Es herrscht weithin Einigkeit unter Nietzsche-Experten, dass die Nazis Nietzsche grob missverstanden. Zwar pries er in seiner Genealogie der Moral "die prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie", aber die Germanen-Tümelei der Nazis wäre ihm viel zu blöd gewesen. Er kritisierte die jüdische Religion, war aber keineswegs ein Antisemit. Er entwickelte die Idee des Übermenschen, verachtete aber politische Demagogie und hätte vermutlich auch die Gestalten des heutigen Rechtspopulismus verachtet. Dennoch wird Nietzsche bis heute von rechtsextremen Ideologen vereinnahmt. Die Rhetorik des Alt-Right-Aktivisten Richard Spencer zum Beispiel, der sich ausdrücklich auf Nietzsche beruft, erinnert an Nietzsches Zarathustra. Spencer träumt davon, die USA zu einem christlichen, ethnopopulistischen Staat umzubauen. Genau das, wogegen Nietzsche wetterte.

Nietzsche wusste selbst, dass sein Denken Gefahren birgt. "Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit", schrieb er in seiner Autobiografie. Damit meinte er die Sprengkraft seines Werks für die etablierten Herrschaftsformen, aber sicherlich nicht die Umdeutung durch die Rechtsextremen von einst und jetzt. Er versuchte, die Entwicklung des Menschen weiterzudenken, und fragte: Wer wollen wir eigentlich sein? Er stellte sich künftige Menschen vor, die in echter Freiheit und Selbstbestimmung leben, ihre Werte selbst definieren und mitfühlend aus innerer Stärke sind, nicht aus Bigotterie.

Heute gibt es rechte Wortführer, die Donald Trump allen Ernstes als Übermenschen à la Nietzsche bezeichnen. Doch für Nietzsche selbst hätte Trump eher das Gegenteil verkörpert. Machtwütige Manager, die rastlos um die Welt jetten, hätte er als Sklaven gesehen. Eher wäre Greta Thunberg, die unbeirrbare Vorkämpferin der Fridays-for-Future-Bewegung, ein Übermensch in seinem Sinne.

In Also sprach Zarathustra erzählt Nietzsche die Geschichte, wie der Prophet Zarathustra aus den Bergen zu den Menschen herabsteigt, ihnen seine Vision des Übermenschen predigt und damit kein Gehör findet. Also wechselt Zarathustra die Taktik und spricht über den "letzten Menschen": das Gegenteil des Übermenschen. Der letzte Mensch ist das Ende der Geschichte. Er will sich nicht mehr entwickeln. Er will sich nicht anstrengen. Alles soll möglichst so bleiben, wie es ist. Die Menschen sind begeistert. Das ist es, was sie hören wollten.

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Das ist auch die Taktik vieler Rechtspopulisten von heute: Ihr Versprechen ist das des letzten Menschen. Sie denken nicht vorwärts, sondern rückwärts, in eine Vergangenheit, die es nie gab. Sie wollen anderen Menschen verbieten, anders zu leben – genau die Art von Verbot, die Nietzsche hasste. Was wollen wir? Die letzten Menschen sein oder uns weiterentwickeln? Es liegt allein an uns, hätte Nietzsche gesagt.