Sonntagabend, halb zehn. Showdown im Tatort aus Münster. Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne aka Jan Josef Liefers sitzt auf einer Bank im Zoo. Er lugt hinter einer Zeitung hervor und beobachtet einen Tierarzt, der einem Pinguin eine Spritze verpasst. Der Veterinär will mit dem regungslosen Tier verschwinden, doch Boerne springt auf: "Oh, der ist ja wirklich putzig, der kleine Frackträger. Darf ich den mal streicheln?" Der Mediziner versucht Boerne abzuwimmeln. "Doktor Gremlich", ruft Kriminalhauptkommissar Frank Thiel, gespielt von Axel Prahl, aus dem Hintergrund. Der Tierarzt dreht sich um. Boerne nutzt den Moment, schnappt sich den Pinguin und rennt davon. Typisch Boerne und Thiel, denkt der Tatort-Fan. Illegal, wissen Juristen. Die Polizei darf nur etwas beschlagnahmen, wenn ein Richter dies angeordnet hat – bei Gefahr im Verzug auch ein Staatsanwalt. Mal ganz abgesehen davon, dass Boerne gar kein Ermittler ist, sondern Rechtsmediziner.

Wie die Münsteraner halten es auch die anderen Tatort-Ermittler mit den Paragrafen nicht so genau. Sie lassen schon mal Beweismittel verschwinden oder ohrfeigen einen Beschuldigten, wenn dieser schweigt. Die Fernsehkommissare brechen im Schnitt dreimal pro Folge das Gesetz. Das habe ich zusammen mit einem Team von Studierenden aus Dortmund und Bochum gezählt, angehenden Journalisten und Juristen. Wir sichteten mehr als 130 Stunden Tatort – unter Anleitung des Medienrechtlers Tobias Gostomzyk von der Technischen Universität Dortmund. "Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass es im Tatort regelmäßig zu Rechtsverstößen durch die Kommissare kommt", sagt Gostomzyk. "Das wollte ich quantifizieren."

Die Tatort-Ermittler verstoßen vor allem gegen das Verfahrensrecht. In der Strafprozessordnung ist beispielsweise festgeschrieben, dass die Beamten einen Beschuldigten über seine Rechte aufklären müssen, bevor sie ihn vernehmen. Die Fernsehkommissare verzichten darauf allerdings gern, wie der folgende Dialog zeigt.

Ermittler Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring):

"Und? Wenn Sie uns nicht helfen, dann hat das auch Konsequenzen für Sie, ne? Große Probleme!"

Die Befragte auf Französisch: "Je veux un advocat."

Falke: "Bitte?"

Ermittlerin Julia Grosz (Franziska Weisz): "Ja, sie will einen Anwalt."

Falke: "Auch das noch."

In manchen Folgen begehen die Ermittler sogar eine Körperverletzung oder vereiteln eine Bestrafung. So brechen Nina Rubin (gespielt von Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in einer Folge des Berliner Tatorts in ein Haus ein, um hier nach Beweisen zu suchen. Der Ludwigshafener Kommissar Mario Kopper (Andreas Hoppe) wird in seiner Abschiedsfolge gleich mehrfach selbst kriminell: Totschlag, Unterdrückung von Beweismitteln, Sachbeschädigung, unbefugter Gebrauch eines Fahrzeugs. In den meisten Fällen bleiben die Verstöße der Ermittler ungesühnt.

Im Tatort sind die Kommissare viel draußen unterwegs, befragen Zeugen und sammeln Indizien. "In Wirklichkeit müssen die Ermittler jedes Gespräch, das sie führen, in einer Akte dokumentieren", sagt Dirk Peglow. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und im Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei beschäftigt. "Jeder Ermittlungsschritt muss auch Jahre später noch nachvollziehbar und reproduzierbar sein", sagt Peglow. Auch tragen die TV-Kommissare selten Schutzanzüge, wenn sie einen Tatort betreten. "Das ist in der realen Praxis unvorstellbar." Trotzdem hat er Verständnis für die Tatort-Regie. "Fernsehserien oder -filme müssen eine gewisse Dramaturgie haben. Anders lässt sich die Polizeiarbeit in 90 Minuten gar nicht darstellen."