Die Straße leer, das Städtchen verlassen, die Banditen im Anmarsch. Nichts vor Augen, nur den Tod. Nie stand der Cowboy besser da als in diesem Moment 1952 im Film High Noon. Gary Cooper spielt Marshall Bill Kane, der gerade seine junge Braut geheiratet hat. Am nächsten Tag will er in ein neues Leben ziehen, da erreicht ihn die Kunde, dass ein Verbrecher, den er einst ins Gefängnis brachte, auf dem Weg in die Stadt ist, um sich zu rächen. Entgegen allen Ratschlägen bleibt Kane, um Recht und Gesetz zu verteidigen. Obwohl ihm nacheinander alle Bewohner die Unterstützung versagen. Obwohl sogar seine Frau droht, die Stadt ohne ihn zu verlassen. "Unser ganzes Leben liegt noch vor uns, du kannst es doch nicht einfach aufs Spiel setzen", fleht sie. "Ich habe nur eine Stunde Zeit und noch eine Menge zu tun", sagt er. Eine Antwort, deren Härte für den Zuschauer dadurch verstärkt wird, dass es sich bei der Braut um Grace Kelly handelt. Die will partout nicht akzeptieren, was ihr Mann da macht. Doch ihr Marshall ist ein gestandener Cowboy, der keine Wahl hat. Cowboys sind echte Männer, und was das bedeutet, ist in den Fünfzigerjahren klar definiert. In Hollywood, in den USA, in der gesamten westlichen Welt.

Ein echter Mann redet nicht, er handelt. Er läuft nicht weg, er stellt sich. Er hat Gefühle, aber er zeigt sie niemandem. Er ist hart gegen andere, aber noch härter gegen sich selbst. Hat er eine Familie, kümmert sich die Ehefrau um die Kinder. Er kümmert sich darum, dass das Geld nach Hause kommt und Frau und Kindern nichts passiert. Weshalb er sie eben auch mal wegschickt und sich dem Schicksal in den Weg stellt. Im Zweifel allein. Marshall Kane fasst es so zusammen: "Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss."

Das Adjektiv "echt" benutzt er nicht. Unnötig. Schließlich laufen in jener Zeit viele Bill Kanes auf amerikanischen, deutschen oder französischen Straßen herum. Männer, die am Fließband Autos montieren oder in Büros Akten bearbeiten. Streng nach Stechuhr und für einen Lohn, der reicht, um Frau und Kinder zu versorgen, außerdem für Auto, Jahresurlaub, Doppelhaushälfte. Sie sind die heimlichen Herrscher eines Jahrzehnts, das als das goldene in die Geschichte eingehen wird. Inflation und Arbeitslosigkeit sind niedrig, das Wachstum hoch. Ein Buch des damaligen BRD-Wirtschaftsministers Ludwig Erhard bringt die Stimmung auf den Punkt: Wohlstand für alle. Nie ist die Mittelschicht zuversichtlicher.

Das Selbstbild der Männer, die das Leben in dieser Schicht prägen, spiegelt sich im Cowboy Bill Kane wider. Rechtschaffen, gestanden – weiß. Diese Männer glauben, dass sie sich ihren Wohlstand redlich verdient haben. Durch eigener Hände harte Arbeit. So erschaffen sie sich ihren eigenen Mythos, genau wie der Western den Mythos des Cowboys erschafft. Es sind mächtige Mythen. Sie gründen auf der Idee, dass der Mann allein in die Welt hinausgeht, niemanden braucht und gerade durch diese Einsamkeit frei wird. Das stimmt – fast nie. Heutzutage ebenso wenig wie damals.

Cowboy, das war ein Schimpfwort für Männer, häufig schwarz oder mexikanischer Abstammung, seltener so weiß wie in den Filmen. Keine einsamen Helden, eher eine Gemeinschaft von Verlierern, Geächteten, Ausgestoßenen. Monatelang saßen sie im Sattel, trieben die Herden durchs Land, mehr als tausend Kilometer, von Süden nach Norden. Bei Regen, bei Hitze, bei Schnee, in einer Staubwolke, aufgewirbelt durch unzählige Hufe, deren gleichmäßiges Stampfen jederzeit in wildes Getrampel umschlagen konnte, in eine Stampede, die alles niederwalzte. Trotzdem war die Arbeit so stumpfsinnig, dass ein Cowboy namens John per Brief klagte: "Liebe Jennie, ich fürchte, ich sterbe vor Langeweile, bevor wir Abilene erreichen. Ich lese sogar schon die Etiketten auf den Dosen! Sicher drehe ich bald durch." Wenn die Herde rastete, kochten die Cowboys stark gewürztes Chili, um den Geschmack des verdorbenen Fleischs zu übertünchen. Geschlafen wurde mit dem Kopf auf dem Sattel und den Füßen in den Stiefeln. Ein Diebstahl wäre zu teuer gewesen, angesichts von 30 Dollar Monatslohn. Auch seinen Strampelanzug aus Baumwolle, seine einteilige Unterwäsche, behielt der Cowboy an. Am Ende des Trips roch er manchmal wie die Tiere um ihn herum. Meist schlimmer.

20 Jahre, von 1865 und 1885, ging das so. Dann war die Blütezeit des Cowboys auch schon vorbei. Die Zivilisation in Form von Stacheldraht, Farmern und Eisenbahn hatte ihn eingeholt. Eine Erfahrung, die von seinen Nachfolgern ein paar Jahrzehnte später geteilt wurde: Das goldene Jahrzehnt neigte sich dem Ende zu und mit ihm die Herrschaft der echten Männer. Als die 1960er-Jahre anbrachen, barsten die Spannungen in der Gesellschaft. Die stolzen weißen Fabrik- und Büroarbeiter waren plötzlich konfrontiert mit schwarzen Bürgerrechtlern, protestierenden Studierenden, wütenden Feministinnen und homosexuellen Aktivisten. Deren Botschaft formulierte Martin Luther King so: "Wir können keine aufgeklärte Demokratie haben, wenn eine große Gruppe in Unwissenheit lebt."