In Thakhek, einer kleinen Stadt in Laos, stehen an der Uferpromenade des Mekongs mächtige Tische aus Stein. Sie sind verziert mit Mosaiken und bieten einen fantastischen Blick auf das andere Ufer. Ich war 18 Jahre alt und war gerade nach Laos gezogen, als diese Tische meine Liebe fürs Kartenspiel prägten. Schon in meiner ersten Arbeitswoche brachten mir meine Kollegen dort Tamnoi bei – eine Art laotisches Poker. Ziel ist es, die Karten, die man auf der Hand hat, vor den Mitspielern und mit weniger Punkten als sie aufzudecken. Einsatz: 2000 laotische Kip pro Spieler und Runde, umgerechnet etwa 20 Cent. Nichts im Vergleich zu den Millionen Dollar, die jede Nacht in amerikanischen Kasinos verzockt werden. Doch der Einsatz reichte, um Spannung ins Spiel zu bringen. Und um die Aussicht am Mekong zu vergessen.

Tamnoi wird mit einem ganz normalen Deck, einem Kartensatz aus 52 Karten, mit Bube und Dame, Pik und Herz, gespielt. Mit den gleichen Karten spielte ich schon als Kind Rommé, Mau-Mau oder Schwarzer Peter. Nun war ich ans andere Ende der Welt gezogen – und doch spielten die Menschen dort mit dem gleichen Kartensatz. Wie kann das sein?

Kennt man die Geschichte der Karten, ist es nicht mehr so überraschend, sie in Asien anzutreffen: Das weltweit erste Mal wurden Spielkarten in der chinesischen Literatur erwähnt. Bereits im Jahr 868 berichtet ein Schriftstück von einem höfischen Spiel, das aus Baumblättern oder Holzstücken hergestellt wurde. Über die Regeln ist heute nichts mehr bekannt. Nur so viel: Die Blätter waren damals noch blank und unbemalt.

Über die Seidenstraße und andere Handelsrouten gelangten die Karten in den nächsten Jahrhunderten nach Persien und weiter in die arabische Region. Hier veränderten sie sich das erste Mal: Die vier Farben entstanden zu dieser Zeit. Von jeder gab es von nun an zwölf Karten, darunter zwei Hofkarten, König und Wesir. Die Vorderseiten wurden mit hohem Aufwand und viel Kunstfertigkeit per Hand bemalt. Die wirklich innovative Erfindung aber waren die leer bleibenden (und damit alle gleich aussehenden) Rückseiten: Jedes Spiel hatte nun bekannte und unbekannte Karten – die bekannten in der eigenen Hand und die verdeckten der Mitspieler. Eine der Farben von damals ist bis heute geblieben: Kreuz.

Seeleute und andere Reisende brachten die neue Errungenschaft Ende des 14. Jahrhunderts über Italien nach Europa. Dort verbreiteten sich die Karten rasend schnell – und wurden ebenso rasch verboten. Die Kirche sah in dem Glücksspiel das "Gebetsbuch des Teufels" und ließ die Karten (und manchmal auch dessen Spieler) vielerorts verbrennen. Doch all die Verbote halfen nichts. Selbst der Adel spielte bald mit den neuen Karten: Das älteste europäische Deck zeigt Jagdszenen einer Hofgesellschaft. Und wenig später verfasste ausgerechnet ein Dominikanermönch, Johannes von Rheinfelden, die erste in Europa bekannte Beschreibung von Spielkarten und ihren Regeln. Aus ihr wird klar: Schon vor rund 650 Jahren spielten die Menschen mit so gut wie den gleichen Karten wie heute – einem Deck aus viermal 13 Karten mit den Hofkarten König, Ober und Unter (der deutschen Version von Dame und Bube).

Noch bis ins 15. Jahrhundert hinein war die Herstellung der Karten teuer und aufwendig. Erst mit der Erfindung der Holzschneidekunst und des Kupferstichs wurden Spielkarten billig und damit Massenware. Besonders die Stadt Lyon entwickelte sich zum Exportzentrum und brachte das französische Farbsystem in die ganze Welt. Es spiegelte die Klassen in Europa zur Zeit König Ludwigs XV. wider: Trèfle (Kreuz) stand für die Bauern, Pique (Pik) für den Adel, Cœur (Herz) für die Kirche und Carreau (Karo) für die Kaufleute. Noch heute wird selbst das deutsche Nationalspiel Skat mit dem französischen statt mit dem deutschen Blatt (Eichel, Laub, Herz und Schellen) gespielt.