Als ich an meinem 50. Geburtstag schlafen ging – nachdem also alle "Alter Sack"-Witze gebührend gefeiert worden waren –, stand plötzlich eine Frage im Raum. Ich hatte schon öfter über sie nachgedacht, aber jetzt kam sie mir mit einem Mal ganz nah. Sie setzte sich schwergewichtig neben mich aufs Bett und fragte schnaufend: "Was für ein Mensch bist du eigentlich? Was macht dich aus?" Dass eine so große Frage ausgerechnet nachts auftaucht und man deswegen wach liegt: Dafür muss man nicht gerade ein alter Sack geworden sein. Das kann einem als junger Sack oder mittelalte Säckin passieren, mit 20, 40, 60 Jahren. Mir half in den Stunden danach, dass ich für mich bis zu diesem Moment schon etwas herausgefunden hatte: Es ist meist vertane Zeit, in sich nach der einen, alles umfassenden Antwort zu graben. Man baut Tunnel und stützt Wände ab, aber man weiß nie so recht, ob man auf dem richtigen Weg ist, und so vergehen manchmal Jahrzehnte. Ich hatte irgendwann lieber angefangen, nach den treffenden Fragen zu suchen, die ich mir stellen könnte. Die kommen manchmal leichtfüßig daher, ab und an stolpert man über sie, und oft kommen solche Fragen auch angeschlendert, als seien sie zufällig in der Gegend – aber wenn man sie anspricht, merkt man: Man war verabredet.