Bei einem harten Foul muss der Schiedsrichter innerhalb kürzester Zeit beurteilen: War es ein unabsichtliches, "fahrlässiges" Rempeln, Treten oder Beinstellen? Dafür gäbe es einen Freistoß, aber keine Verwarnung. Oder war es ein beabsichtigtes, rüdes Foul? Das wäre eine Gelbe Karte. Die Strafe für "brutales Spiel", das die Gesundheit des Gegenspielers gefährdet, wäre Rot: ein Platzverweis. Damit es weniger Fehlentscheidungen gibt, kann in der Fußball-Bundesliga seit einem Jahr ein Video-Schiedsrichter einschreiten. Der beobachtet das Spiel live vor einem Bildschirm – in Echtzeit und in Zeitlupe. Ist er der Meinung, einen klaren Fehler des Schiedsrichters entdeckt zu haben, gibt er diesem per Funk ein Signal.

Das Spiel wird dann unterbrochen, der Referee studiert auf einem Monitor am Spielfeldrand die Szene im Video, auch in Zeitlupe. Das kann Minuten dauern, denn der Schiedsrichter kann sich nun für seine endgültige Entscheidung so viel Zeit nehmen, wie er braucht. Der Videobeweis soll das Spiel "wahrer" und gerechter machen. Dennoch haben viele Zuschauer das Gefühl: Nach Ansicht der Zeitlupe fallen die Strafen für die Spieler viel strenger aus.

Auch der Biomediziner Jochim Spitz hat sich gefragt, ob die Zeitlupe bei der Beurteilung von Foulspielen wirklich sinnvoll ist. Oder ob sie die Urteile des Schiedsrichters beeinflusst und damit sogar das Gegenteil bewirkt und das ganze Spiel "unwahrer" und ungerechter macht. Spitz erforscht Bewegungskontrolle und Neuroplastik an der belgischen Universität Leuven, und dort ist er der Frage mit einigem Aufwand nachgegangen.

Für seine Zeitlupenstudie, die von der europäischen Fußball-Assoziation Uefa finanziert wurde, hat der Wissenschaftler 88 Top-Schiedsrichtern aus fünf europäischen Ländern Aufnahmen von Foulspielen aus professionellen Fußballspielen vorgespielt. "Jeder Referee bekam eine Szene nur einmal zu sehen, entweder in Echtzeit oder in Zeitlupe, viermal langsamer", sagt Spitz, "und daraufhin musste er entscheiden, ob er dem Foulenden eine Karte zeigen würde und wenn ja, welche." Für seine Entscheidung hatte der Schiedsrichter pro Szene zehn Sekunden Zeit. In einer weiteren Studie an der University of San Francisco betrachteten 1600 Teilnehmer in Echtzeit oder in Zeitlupe Videoclips, unter anderem von einem Foulspiel im American Football. Anschließend sollten die Laien-Schiedsrichter die Strafe für den foulenden Spieler festlegen.

Dabei zeigte sich: "Die Referees haben Fouls strenger bestraft, wenn sie diese in Zeitlupe gesehen haben", sagt der Biomediziner. Zum Beispiel entschieden sie eher auf Platzverweis, wenn laut Regelwerk eine Gelbe Karte genügt hätte. Woran liegt das? "Die Zeitlupe beeinflusst die Wahrnehmung von Körperbewegungen und Absicht", sagt Spitz. Er hatte den Schiedsrichtern Szenen vorgespielt, die das Foul und den Sturz des Gefoulten gut zeigten. In Slow Motion, so der Forscher, erscheine der Vorgang deutlich brutaler, sehe man doch den Körperkontakt und das schmerzvoll verzerrte Gesicht des Gefoulten ganz genau, und der Fall auf den Boden mute viel intensiver an. Dieser dramatisierte Eindruck könne den Unterschied machen zwischen dem Urteil "fahrlässig" (keine Karte), "rücksichtslos" (Gelb) oder "brutales Spiel" (Rot).