Soziale Veränderungen erfordern Mut. © Sebastian König

Lann Hornscheidt lehrt und forscht im Bereich Gender Studies und beschäftigt sich mit Dikriminierung durch Sprache. In diesem Gastbeitrag erklärt Hornscheidt, wie sich Rassismus in der Art, wie wir sprechen, zeigt und wie jeder daran etwas ändern kann.

Was hat es mit Ihnen als weißer Person zu tun, dass es noch immer Rassismus gibt? Wie können Sie als weiße Person mit daran arbeiten, dass die Welt weniger rassistisch wird? Die Antworten auf diese Fragen haben sehr viel mit Sprache und Begriffen zu tun. Sprache ist nie nur einfach so da, nie neutral oder unschuldig. "Auf Worte folgen Taten", ist in diesen Tagen oft zu hören. Aber Worte sind Taten. Sprache ist Handeln. Um dieses "Sprachhandeln" geht es hier. Sensibles Sprachhandeln ist eine alltägliche Möglichkeit, sich einzusetzen gegen Rassismus.

Die Gewöhnung an Gewalt ist subtil, findet in langsamen Steigerungen statt, auch durch eine Gewöhnung an bestimmte Argumentationen und Begriffe. Viele Äußerungen waren vor zehn Jahren in Bezug auf muslimische Menschen und Menschen, die nach Deutschland flüchten mussten, in der deutschsprachigen Öffentlichkeit undenkbar. Heute werden sie von MinisterInnen und Parteien ausgesprochen, ohne dass dies allgemeines Entsetzen auslösen würde.

Respektvoll zu sprechen, ist eine Form politischen Widerstands gegen zunehmend normalisierte rassistische Verhältnisse. Diskriminierungskritisch "sprachzuhandeln" ist eine Strategie, die alle jederzeit anwenden können. Da Diskriminierungen so allgegenwärtig sind, können sie auch ständig verändert werden. Sie finden sich in hundert alltäglichen Situationen: Als beschädigend angesprochene Benennungen wie "Farbige" oder "Dunkelhäutige", das "N-Wort" oder das "Z-Wort" (für Sinti und Roma) werden dauernd wiederholt. Sie werden hingenommen in Zeitungen und Romanen.

Exotisierende Bilder und Skulpturen von Schwarzen Personen finden sich in Wohnzimmern. Die Beschreibung "Möbel im Kolonialstil" zeigt, wie unkritisch Kolonialismus noch heute besetzt ist. Diskriminierende Kinderlieder wie Drei Chinesen mit dem Kontrabass werden als deutsches Kulturgut verteidigt. Was dies für die so aufgerufene "Kultur" heißt, wird nicht weiter reflektiert.

Rassistische Bemerkungen und Anrempelungen werden ignoriert, kleingeredet oder übergangen. Bei diskriminierenden Witzen wird mitgelacht. Rassistische Metaphern wie "Schwarzfahren" und "Schwarzsehen", "schwarzmalen" und "schwarze Schafe" bleiben unhinterfragt. Auf diese Weise werden rassistische Vorstellungen genährt und bestätigt, weitergeführt und fließen als subtile Gewalt ins eigene Leben ein.

Privilegiert zu sein in Bezug auf Rassismus bedeutet, durch all dies nicht persönlich beschädigt zu werden. Es bedeutet, die Option zu haben, sich nicht mit Rassismus zu beschäftigen, da das eigene Leben nicht in hundert verschiedenen Formen davon geprägt ist. Privilegiert zu sein bedeutet, sich normal fühlen zu können. Angesprochen zu sein von Geschichtsdarstellungen, Romanen, Filmen, Schulbüchern, Werbungen, Museen, medizinischen Ratgebern und so weiter. Sich als Individuum erleben zu können und nicht primär als Mitglied einer diskriminierten Gruppe.

Privilegiert zu sein ist auch eine Ressource. Sind Sie – wie ich – privilegiert in Bezug auf Rassismus, haben Sie die Möglichkeit, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Sie können sich für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft einsetzen.

1. Benennen Sie Diskriminierungen als gewaltvolle Handlungen

Diskriminierungen sind Handlungen. Sie sind keine Identität. Ein häufig zu findender Satz, der die Diskriminierung als Identität der diskriminierten Person zuschiebt, lautet: "Er musste Ende der Dreißigerjahre Deutschland verlassen, weil er Jude war." Keine Person musste aus dem Grund, dass sie jüdisch war, fliehen. Sondern jüdische Menschen mussten fliehen, weil Deutschland antisemitisch war und als jüdisch kategorisierte MitbürgerInnen brutal verfolgt hat. Dies so zu sagen benennt Diskriminierungsstrukturen. Es fokussiert die Verantwortung für strukturelle Gewalt auf die Menschen und Instanzen, die sie ermöglichen und ausüben. Menschen mussten und müssen sich nicht als Jude*Jüdin verstehen, um antisemitisch diskriminiert zu werden. Genauso wenig werden Menschen diskriminiert, weil sie Frauen oder Trans* sind, sondern weil die Gesellschaft sexistisch oder genderistisch ist.

Nehmen Sie Menschen als Individuen wahr, und definieren Sie Menschen nicht über Diskriminierung: "Die Person, die an der Bushaltestelle rassistisch-genderistisch angepöbelt wurde ..." statt "Die Kopftuchträgerin/Ausländerin/Schwarze Frau, die an der Bushaltestelle angepöbelt wurde ...".

Die einfachste Methode, Rassismus im eigenen Denken und Sprechen zu bemerken und zu überwinden, ist, Menschen in denselben Kategorien wahrzunehmen, in denen auch privilegierte Personen sich selbst wahrnehmen können: als einzigartig, mit persönlichen Vorlieben und Fähigkeiten. Jeder Mensch hat einen Namen.