Nennen Sie bitte möglichst schnell eine Vogelart! Na, wer hat Spatz gesagt? Taube? Oder Amsel? Das waren die häufigsten Antworten bei einem Experiment der Psychologin Eleanor Rosch aus den frühen Siebzigerjahren. Die Studie zeigt, dass alle eine bestimmte Vorstellung davon haben, was typisch, was normal ist. Pinguine sind zwar Vögel – aber irgendwie nicht normal. Oder?

In vielen Naturwissenschaften, in der Psychologie und auch in der Wirtschaftsforschung wird die Frage nach der Normalität recht eindeutig beantwortet. Sie alle verlassen sich auf eine Norm, um Abweichungen erkennen und auf sie reagieren zu können: bei der Diagnose von Lernschwierigkeiten, der Bestimmung des Blutdrucks oder von Aktienschwankungen. Wie sehr etwas vom Durchschnitt abweicht, berechnen sie mit der Gaußschen Normalverteilung. Vereinfacht gesagt werden dafür alle erfassten Ausprägungen eines Phänomens in ein Diagramm eingetragen. Dort bilden sie eine Glockenkurve: Um den Scheitelpunkt sammeln sich die am häufigsten vorkommenden Werte. Je weiter man sich vom Mittelwert entfernt und je näher man somit den Extremen kommt, desto mehr nimmt ihre Anzahl ab. In der einfachen Berechnungsvariante gelten die mittleren 68,27 Prozent der Werte als erwartbar, sprich normal. Wie viele Menschen müssen also dasselbe tun, damit es normal ist? Statistisch betrachtet etwa zwei Drittel.

Im Alltag hilft die Rechnerei wenig. Stattdessen stützen wir uns auf Schätzungen, Erfahrungen, Gefühle. Kaum etwas ist so subjektiv wie die Normalität. "In dem Begriff Normalität steckt eine widersprüchliche, fast paradoxe Ambivalenz", sagt Paula-Irene Villa Braslavsky, Professorin für Soziologie und Gender Studies an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Zum einen die Annahme von Normalität als wertfrei mehrheitlich. Und auf der anderen Seite die Norm, die mit 'sollen' zu tun hat." Was wir als normal verstehen, sagt sie, hänge besonders davon ab, was wir für gewünscht halten, für sozial akzeptiert. Normal wird so zum Qualitätsurteil, es gilt als 'gut', 'angemessen' oder 'richtig'."

Doch warum wollen wir überhaupt normal sein? "Es ist keine Frage des Wollens", entgegnet Villa Braslavsky. "Wir brauchen die Gesellschaft, das Miteinander. Ohne Interaktion können wir nach der Geburt kaum ein paar Stunden überleben. Eine Orientierung an anderen, an Gruppen, Regeln, Vorstellungen und Erwartungen, ist für unser Leben ganz entscheidend."

Im Umkehrschluss kann das Absprechen von Normalität zu Ausgrenzung, Stigmatisierung und Diskriminierung führen. Denn Menschen definieren sich über Unterschiede, um ihre eigene Identität zu festigen. Selbst empirische Fakten werden von subjektiver Wahrnehmung übermalt. "Wir gehen davon aus, dass es im 19. Jahrhundert normal war, dass Frauen zu Hause bleiben", erklärt Villa Braslavsky, "dabei ist belegt, dass auch damals Frauen, gerade aus proletarischen Familien, zu großen Teilen arbeiten gingen." Entscheidend ist also nicht nur, wie viele Menschen etwas tun, sondern auch, ob sie damit die allgemeine Wahrnehmung prägen. Ob also genug Menschen daran glauben.

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Wie viele müssen denn nun dasselbe tun, damit es normal ist? Das hängt stark davon ab, was wir eigentlich meinen – eine statistische Häufigkeit oder eine Normvorstellung. Hinzu kommt: "Wir streben alle nach Individualität, nach Einzigartigkeit, nach Originalität", sagt Braslavsky, "Es ist Teil unserer Normalität geworden, einzigartig sein zu wollen. Sonst gäbe es ja keine Liebe, keine Kreativität, keine technischen Innovationen." Auch Individualität ist vor allem eins: normal.

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