Ruhm und Nachruhm sind oft nur eine Angelegenheit der Propaganda. Um das Jahr 1743 schuf, im Auftrag des hochmögenden sächsischen Ministers Graf Brühl, der Maler Tiepolo ein Bild, das die personifizierten Künste vor Kaiser Augustus zeigt. Der Römer Maecenas, Ahnherr aller späteren Mäzene, steht zu Füßen des Throns und empfiehlt mit einladender Geste die Malerei, Bildhauerei, Baukunst, Musik und Dichtung der Gunst des Kaisers. Obwohl Maecenas ganz am linken Rand des Bildes posiert, scheint er doch eine Hauptfigur zu sein, gleichsam der unentbehrliche Mittler zwischen dem Herrscher und den Musen. Dass es hier aber eigentlich nicht um eine ferne römische Erinnerung, sondern um die damalige sächsische Gegenwart geht, beweist der Blick durch den Rundbogen im Hintergrund, wo man das Palais des Grafen Brühl aufragen sieht - an einem markanten Punkt Dresdens, der noch heute Brühlsche Terrasse heißt.

Zwanzig Jahre nach dieser bestellten malerischen Huldigung, bei Brühls Rückkehr ins heimische Dresden nach dem Siebenjährigen Krieg, meldete der sächsische Prinz Xaver seiner Schwester: "Se. Exzellenz Graf Brühl hat bei seiner Ankunft hier aller Welt durch den Zustand seiner Gesundheit eine allgemeine Freude verursacht ... Die Ärzte prophezeien nichts Gutes von seiner Gesundheit; ich hoffe, dass Gott Mitleid mit ihm haben und ihn bald von seinem Leiden und uns von seiner schlechten Verwaltung befreien wird."

Es dauerte nur noch wenige Monate, bis der stille Wunsch des Prinzen Xaver in Erfüllung ging und Brühl das Zeitliche segnete. Eine kurfürstliche Untersuchungskommission musterte den Nachlass, der allein für die sächsischen Güter und Immobilien des Verblichenen einen Wert von mehr als einer Million Taler auswies. Zarin Katharina II. erwarb seine Gemäldesammlung, sodass Tiepolos Bild heute in der Eremitage zu St. Petersburg hängt. Es kamen außerdem, neben Reichtümern aller Art, über 60.000 Bücher, etwa 800 Tabatieren, 40 goldene Taschenuhren, 120 Brillantringe sowie 150 komplette Porzellanservice zum Vorschein, darunter das berühmte 2200-teilige Schwanenservice: das prächtigste und umfangreichste, das je in der Meißner Manufaktur gefertigt worden ist - seit einer Woche und noch bis zum 13. August sind 120 Teile davon in einer großen Ausstellung (aus Anlass des 300. Geburtstages von Brühl) im Dresdner Schloss zu sehen.

Heinrich Graf Brühl war ein Luxusgeschöpf, wenn es überhaupt eines gegeben hat, aber dass er dieser Neigung so uneingeschränkt folgen konnte, ist ihm nicht an der Wiege gesungen worden. Er kam am 13. August 1700 im thüringischen Gangloffsömmern zur Welt als fünftes Kind eines Landedelmannes und begann seinen Weg im Dienst der Herzogs von Weißenfels. Die Tugend des Sparens war an diesem Hof nicht zu erlernen, den der Kaiser in Wien wegen katastrophaler Verschuldung unter Zwangsverwaltung gestellt hatte. Auch August der Starke, der barocke Bauherr Dresdens, glänzte durch andere Gaben als durch Sparsamkeit. Am üppigen Hof dieses Fürsten stieg Brühl vom Silberpagen zum Kammerjunker auf, schließlich, nachdem der Monarch die Talente des jungen Mannes erkannt hatte, zum Kämmerer der königlichen Garderobe. August regierte in Personalunion das Kurfürstentum Sachsen und das Königreich Polen, sodass Brühl nun gleichermaßen in Dresden wie in Warschau zu Hause war.

Seine große Stunde schlug, als der Kurfürst-König die soeben frisch eingekleidete sächsische Armee im Lager von Zeithain, unweit von Riesa, präsentierte. Brühl agierte dabei als einfallsreicher Festordner und gewann den Zwinger-Architekten Pöppelmann für die Gestaltung der Zeltstadt. Er arrangierte ein Feuerwerk mit mehr als 40 illuminierten Schiffen auf der Elbe sowie 60 böllernden Kanonen und 48 feuerspeienden Mörsern an Land und ließ den monströsen "Lagerkuchen" backen, den acht Pferde aus dem eigens dafür erbauten Ofen ziehen mussten. August war begeistert und ernannte den Zauberkünstler zum Mitglied des Geheimen Kabinetts. Selbst der preußische König Friedrich Wilhelm I., der aus Potsdam herbeigereiste Knauserer, kam nicht umhin, den Regisseur des Spektakels mit dem Schwarzen Adlerorden zu dekorieren. Kronprinz Friedrich, als Friedrich II. später Brühls Intimfeind, war der erste Gratulant.

Rubens, Tizian, Veronese - alles schafft Brühl herbei

Eine neue Probe seiner Gewandtheit gab der sächsische Virtuose, als es ihm gelang, den in Warschau erfolgten Tod Augusts des Starken zwölf Stunden lang geheim zu halten und diese Frist teils für die Evakuierung der wichtigsten Kostbarkeiten, teils auch schon für die Wahl des nächsten Königs zu nutzen.

Der wurde schließlich, dank Brühls erfolgreicher Bestechungsoffensive und nach einem regelrechten Thronfolgekrieg, der Sohn des verstorbenen Herrschers: Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen oder, nach polnischer Zählung, König August III., ein an der Staatsführung zutiefst desinteressierter Potentat, der die Politik lieber gleich Brühl überließ. Man wird es vielleicht verstehen können, dass diesen Wettiner italienische Opern und Gemälde mehr faszinierten, und er hat es denn auch, als Sammler und Kunstkenner, zu wirklicher Professionalität gebracht.

Insofern haben der Monarch und sein Minister sich gegenseitig ergänzt und gesteigert. Dresdens "Augusteisches Zeitalter", das unter dem Zepter Augusts des Starken begonnen hatte, erlebte unter der Ägide des Sohnes ein illustres Finale, in dem Brühl der Part des geschäftigen Vermittlers, Dirigenten und Souffleurs zufiel, ganz wie dem Maecenas auf Tiepolos Bild. Die sächsische Residenzstadt wurde zum nördlichsten Vorposten der italienischen Kunst in Europa. Rings um die Baustelle der katholischen Hofkirche des Architekten Chiaveri wuchs das "Italienische Dörfchen", in dem die jenseits der Alpen angeheuerten Künstler und Bauleute wohnten. (Zur selben Epoche zählt auch die protestantische Frauenkirche George Bährs, die aber keine Angelegenheit des Hofes, sondern der Bürgerschaft war.)

Während Brühl das Staatsruder ergriff, begann in der Oper die Ära des Maestros Johann Adolf Hasse, der im Verein mit seiner Frau, der gefeierten Primadonna Faustina Bordoni, den musikalischen Glanz Venedigs an der Elbe aufscheinen ließ. Was sollte man mehr bejubeln: die Triller und Rouladen der Bordoni oder das Defilee der Pferde und Dromedare auf der Bühne?

Mit solch gleißenden Zugstücken wetteiferten die eher stilleren Attraktionen der Galerie, für die in der Augusteischen Epoche an die 4.000 Gemälde erworben wurden. Der Kurfürst-König war selber eine Kunstkoryphäe, neben ihm bewährte sich Brühls Intendant Karl Henrich Heinecken als exzellenter Kenner - ein Bruder übrigens jenes frühverstorbenen Lübecker Wunderkindes, das die Welt einst in Erstaunen gesetzt hatte (siehe ZEIT 52/1999). Großzügig dotierte Agenten, allen voran der Dichter Francesco Algarotti, durchstöberten für Dresden die Klöster, Ateliers und Kunstkammern Italiens.

Dem gewandten Algarotti war etwa die Vermittlung von Jean-Etienne Liotards anmutigem Bild Das Schokoladenmädchen zu danken. Zum Preis von 100.000 Zechinen wurde die Bildersammlung des Herzogs von Modena gekauft, darunter Meisterwerke wie Der heilige Hieronymus von Veronese, Die Madonna mit der Familie Cuccini von Rubens und Tizians berühmter Zinsgroschen. Auf 20.000 Zechinen, einschließlich aller Nebenkosten, belief sich 1754 die Anschaffung der Sixtinischen Madonna. "Platz für den großen Raffael!", soll Friedrich August ausgerufen und dabei den Thronsessel höchstselbst zur Seite gerückt haben, als das gewaltige Gemälde in den Saal getragen wurde.

Gleichsam in einem fortwährenden Dialog mit den Bildern der Galerie schrieb der große Johann Joachim Winckelmann seine Gedanken über die Nachahmung der griechischen Werke, das Manifest des Klassizismus. Die dem Kurfürsten gewidmete Schrift pries Dresden emphatisch als das "Athen für Künstler". Der Monarch genehmigte daraufhin Winckelmann das heiß ersehnte Rom-Stipendium mit den Worten: "Dieser Fisch soll in sein Wasser kommen!"

Dass die Aufrüstung der Gemäldegalerie beinahe die Abrüstung der sächsischen Armee, verglichen jedenfalls mit der preußischen, nach sich zog, war eben nicht zu ändern: Brühls finessenreiche Kabinettspolitik würde das militärische Defizit schon ausgleichen! Der Premierminister setzte 1746 sogar den kostenlosen Eintritt in die Galerie royale durch und erbat lediglich ein "Tranckgeld" für den diensthabenden Inspektor. Es war eine Blütezeit, die so schnell nicht wiederkehrte. Nach Brühls Tod musste nahezu ein Jahrhundert vergehen, bis die nächsten bedeutenden Gemälde erworben wurden.

Das öffentliche Wirken des Ministers machte aber nur einen Teil seiner kulturellen Ambitionen aus. Die eigenen Sammlungen profitierten von den regelmäßigen Besuchen der Leipziger Messe, dem auswärtigen Agentennetz und anderen Quellen, etwa der Meißner Porzellanmanufaktur, die Brühl unterstellt war. Vor allem stieg er zu einem gewaltigen Bauherrn auf, der in ganz Sachsen Sommersitze, Schlösser und Gutshäuser errichten ließ, ein wahres Architektur- und Parkimperium, auf das auch die Gräfin Maria Anna Einfluss nahm, die katholische Gemahlin des Lutheraners Brühl.

Das schönste Ensemble entstand auf dem ehemaligen Festungsgelände an der Elbe, der heutigen Brühlschen Terrasse. Hier bezeugten das Stadtpalais, die Privatgalerie, die Bibliothek und vor allem das Belvedere den erlesenen Geschmack des Besitzers. Das Belvedere, eine Perle des Rokoko, stand nur wenige Jahre. Im Siebenjährigen Krieg wurde es auf ausdrücklichen Befehl des Preußenkönigs zerstört, aus persönlichem Hass wider seinen sächsischen Todfeind. Friedrich "der Große", hier mal wieder eher klein erscheinend, ließ auch andere Besitztümer Brühls plündern oder ganz niederbrennen.

Das Kurfürstentum Sachsen, bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts dem frisch gebackenen Königreich Preußen wirtschaftlich und kulturell überlegen, war dem Hohenzollern längst ein Ärgernis. Als er, Dezember 1740, die Lande der jungen Habsburgerin Maria Theresia zum ersten Mal überfiel, um ihr das reiche Schlesien zu entreißen, war dieser Gewaltakt nicht nur gegen Österreich, sondern de facto auch gegen Sachsen gerichtet. Brühl wünschte, aus gutem Grund, eine feste und gesicherte territoriale Verbindung mit Polen, die nur über schlesisches Gebiet möglich war. Man hatte deswegen bereits mit Wien verhandelt, wenn auch bisher vergeblich. Der Raub Schlesiens gab dem Preußenkönig nun die Gewähr, dass die Bildung eines sächsisch-polnischen Flächenstaates ein Dresdner Traum blieb. Außerdem konnte auf diese Weise, durch Zölle und andere "Chicanen", die sächsische Wirtschaft empfindlich getroffen werden, was auch die Leipziger Messe durch das Ausbleiben mancher Kaufleute aus dem Osten zu spüren bekam.

Die Schlachten der Schlesischen Kriege sind in den Geschichtsbüchern nachzulesen; sie verliefen, wie man weiß, für Friedrich meistens glorios, für Maria Theresia und auch für Brühl hingegen verheerend. Der Freiherr von Loën, ein Großonkel Goethes, hatte bereits anno 1718 konstatiert, dass sich die Sachsen nicht zum Soldatendasein eignen, "weil sie zu wollüstig und zu gemächlich sind". Das war ein satirischer, wenn auch vielleicht nicht ganz aus der Luft gegriffener Schnörkel, den Brühl kaum gekannt haben dürfte. Das Heer erschien ihm in der Tat nicht als das wichtigste Kartenblatt in dem Spiel, mit dem er die Militärdespotie im Norden auszumanövrieren gedachte. Er erkannte, dass Preußen nicht allein durch die Aufrüstung der eigenen Armee, sondern nur durch ein Bündnis der Mächte in Schach zu halten - und womöglich ganz zu zerschlagen war.

Hasserfüllt läßt Friedrich der Große Dresden bombardieren

Insofern ist Brühl der wichtigste und beharrlichste Vordenker jenes renversement des alliances gewesen, das dann durch das diplomatische Genie des österreichischen Kanzlers Kaunitz tatsächlich zustande kam. Österreich, Frankreich, Sachsen-Polen und Russland ergaben eine schier unbesiegbar erscheinende Koalition, der Friedrich nur das Bündnis mit England-Hannover entgegenzusetzen hatte. Brühl war an der Herbeiführung dieser völlig neuen Konstellation hervorragend beteiligt, denn im Taktieren und Paktieren tat es ihm kaum einer gleich.

Der wunde Punkt seiner Berechnungen bestand nur darin, dass Sachsen nichts oder doch viel zu wenig tat, um den hohen Einsatz im machtpolitischen Roulette wirtschaftlich, finanziell und vor allem militärisch abzusichern. Am Vorabend des Siebenjährigen Krieges hatte Friedrich 160.000 Mann unter Waffen, Sachsen nur 35 000. Schließlich widerfuhr Brühl, der doch selber ein Meister der Spionage und der Schnüffelei war, ein Malheur, von dem er erst mit fataler Verspätung Kenntnis erhielt. Bereits 1752 gelang es dem preußischen Gesandten in Dresden, Brühls Kanzlisten Menzel anzuwerben und von ihm die Kopien der vertraulichsten Schriftstücke zu erhalten. Von da an konnte Friedrich in Sansscouci die Geheimdokumente der antipreußischen Koalition eher lesen als Friedrich August selbst in seinem Dresdner Schloss, der solche Beschäftigung ohnehin nicht für besonders anregend hielt.

Am 29. August 1756 überschritten 66.000 preußische Soldaten in drei Marschsäulen die sächsische Grenze und eröffneten so den Krieg, der aus der Sicht Friedrichs ein Präventivkrieg war und sieben Jahre dauern sollte. Wenigstens hielten Brühl und seine engsten Berater illusionslos jeden Widerstand für unnütz, sodass die gesamte sächsische Armee bereits im Oktober kapitulierte. Friedrich steckte die Soldaten in seine preußischen Regimenter, aus denen die Sachsen dann scharenweise desertierten.

Der Hof mitsamt Friedrich August und Brühl floh zunächst auf die Festung Königstein und von da weiter nach Warschau, um dort die friderizianische Eiszeit zu überstehen. Nur die couragierte Kurfürstin Maria Josepha blieb in Dresden und musste, bevor sie im zweiten Kriegsjahr starb, mit ansehen, wie Sachsen zum Spielball und Schlachtfeld der europäischen Mächte herabsank. Es wurde, sieben Jahre lang, zum Hauptkriegsschauplatz, und in manchen Gegenden, etwa in der Oberlausitz und in Dresden selbst, stellten Bombardements, Einquartierungen und Plünderungen die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges in den Schatten.

Als Friedrich August und Brühl, merklich gealtert, nach dem Hubertusburger Frieden in die Heimat zurückkehrten, kamen sie in ein ruiniertes Land, wo kaum noch etwas an den früheren Glanz erinnerte. Der Wiederaufbau, in politischer, wirtschaftlicher und nicht zuletzt auch seelischer Hinsicht, schloss den Fortbestand der "Ära Brühl" von vornherein aus, die ja eigentlich schon sieben Jahre zuvor geendet hatte. Es war eine gnädige und überaus sinnvolle Fügung, dass der Kurfürst Friedrich August am 5. Oktober 1763 starb. Sein Diener Brühl folgte ihm, nach dem Verlust aller Ämter, drei Wochen später, am 28. Oktober 1763, als man bereits dazu schritt, seinen Nachlass zu versiegeln.

Die minuziöse Arbeit einer Untersuchungskommission führte 1765 die offizielle Anklageerhebung durch das Geheime Kabinett herbei, die jedoch drei Jahre später durch den kurfürstlichen Administrator, den Prinzen Xaver, niedergeschlagen wurde, obwohl dieser Angehörige des Hauses Wettin ganz und gar kein Freund Brühls gewesen war. Vermutlich hätte ein Prozess gegen den Toten auch den verstorbenen Kurfürsten desavouiert, und außerdem hätte man das absolutistische System mit auf die Anklagebank bringen müssen, als dessen Protagonist und Nutznießer der Premierminister agiert hatte.

Gleichwohl hat der nie geführte Prozess Brühls Andenken mehr geschadet, als es ein abschließendes Urteil wohl je vermocht hätte. Die Beschuldigungen blieben an ihm haften, auch wenn sie, wie Walter Fellmann in seiner Brühl-Biografie (eine Neuausgabe ist gerade beim Verlag Koehler & Amelang erschienen) glaubhaft macht, weit übertrieben oder gar nicht schlüssig zu beweisen waren. Für die preußischen Geschichtsverwalter war Brühl ein frivoler, korrupter, noch dazu lächerlicher Bonvivant, und einige sächsische Historiker sind ihren preußischen Kollegen darin sogar gefolgt.

Indessen ist das mächtige Preußen längst von der Landkarte verschwunden. Dresden aber spiegelt sich immer noch, selbst nach den furchtbaren Verheerungen des letzten Krieges, in dem goldenen Glanz einer Weltkunst, die es nicht zuletzt dem Maecenas Brühl verdankt.