Geburt und Tod des Ratszimmermeisters George Bähr sind von Legenden, beinahe von Mystifikationen umrankt. Im Jahre 1666 ist er in dem Erzgebirgsdörfchen Fürstenwalde zur Welt gekommen, wo ihm, über 230 Jahre später, ein Denkstein errichtet wurde - an der Stelle, an der einst sein Geburtshaus gestanden haben soll. Dorthin sind dann, bis in unsere Tage hinein, zu jedem Bähr-Jubiläum schwere Kränze und mächtige Blumensträuße getragen worden. Erst anno 1988 wußte ein Pfarrer nachzuweisen, daß jene Stätte mit dem berühmten Architekten nicht das geringste zu tun hat und man infolgedessen zum falschen Platz gepilgert war.

Am 16. März 1738 starb Bähr in Dresden, "an Steckfl(uß) und Verzehrung", wie das Kirchenbuch vermeldet. Da die Frauenkirche, seine Frauenkirche, in deren Katakomben sich Bähr seine letzte Ruhestätte gewünscht hatte, noch nicht ganz fertig war, wurde er auf dem Alten Johannisfriedhofbestattet. 96 Jahre nach seinem Tod kam in dem Grab, das man für das seinige hielt, ein Skelett zum Vorschein, das einen gewaltsam lädierten Schädel und drei gebrochene Rippen aufwies. Gerüchte, die vom dramatischen Ende des Baumeisters wissen wollten, schienen damit bestätigt zu sein. War er womöglich vom Baugerüst gestoßen worden oder hatte sich gar selbst in die Tiefe gestürzt? Steckte hinter dieser Bluttat etwa der "welsche" Architekt Chiaveri? War diesem, dem Erbauer der katholischen Hofkirche und Antipoden des braven sächsischen Lutheraners Bähr, nicht ein solches Bubenstück zuzutrauen? Jedenfalls wurden nun die beschädigten Gebeine in der Frauenkirche beigesetzt und schienen endlich dort angekommen zu sein, wo sie hingehörten.

Wiederum ein halbes Jahrhundert danach fand der Dresdner Ratsarchivar Otto Richter heraus, daß die sterblichen Überreste offenbar das Opfer einer Verwechselung geworden waren und "irgendein armer Verunglückter" an Bährs Stelle in der Frauenkirche seiner Auferstehung entgegenharrte. Man hat ihn dabei, klugerweise, nicht gestört und das schöne barocke Grabmal unversehrt gelassen. Selbst die Zerstörung der Frauenkirche hat es überstanden: 1994 wurde es, fast heil, unter den Katakomben-Trümmern geborgen.

Irrtümer umgaukeln Bährs Geburtshaus und die Gebeine in seiner Gruft, so daß Anfang und Ende dieser Architektenlaufbahn lange von Fiktionen und Spekulationen umgeben waren. Auch ist von Bähr kein einziges Portrait überliefert; Dunkel verhüllt seine Existenz. Unberührt davon aber bleiben die sichtbaren Spuren, die der Baumeister hinterlassen hat. Kirchen im Erzgebirge und in der Sächsischen Schweiz, mehrere Stadtpalais in Dresden". Und allen voran sein Meisterwerk, die Frauenkirche, 1726 begonnen und 1743 vollendet.

Seit Sachsens Kurfürst August der Starke, noch als Prinz, in Venedig von der wundersamen Einheit beeindruckt worden war, die dort der Wasserlauf des Canal Grande mit den angrenzenden Palästen bildet, gedachte er einen ähnlichen Zusammenklang in Dresden zu schaffen, mit der Elbe als natürlicher Pracht- und Triumphstraße. Zu den bleibenden venezianischen Erinnerungen Augusts zählte auch die mit einer Kuppel bekrönte Kirche Santa Maria della Salute, erbaut von dem Architekten Baldassare Longhena. Würde nicht ein ähnlicher Bau der sächsischen Haupt- und Residenzstadt zur besonderen Zierde gereichen?

George Bähr hat weder diese Kirche noch andere bekannte sakrale Kuppelbauten jemals gesehen: nicht Sankt Peter in Rom und den Dom in Florenz, auch niemals die fast gleichzeitig mit seiner Frauenkirche entstandene Wiener Karlskirche des Fischer von Erlach. Er kann diese Vorbilder, wenn sie für ihn überhaupt welche waren, nur auf Stichen betrachtet haben. Um so eigenständiger ist sein Werk, das sich ja von den anderen vor allem dadurch unterschied, daß es ein protestantisches Gotteshaus war - die lutherische Kathedrale par excellence. Durch die majestätisch und doch scheinbar schwerelos schwebende Kuppel fügte sich die Kirche organisch in die barocke Stadtkulisse ein, die ein wieder katholisch gewordener Fürst der Hauptstadt seines evangelischen Landes gab. Mehr noch: Das augusteische Barock Dresdens, dem jede gegenreformatorische Attitüde fehlte, gipfelte gleichsam in der steinernen Glocke der Frauenkirche. Sie prägte fortan, zusammen mit der katholischen Hofkirche, die einzigartige Dresdner Stadtsilhouette und erinnerte Einheimische und Fremde daran, daß die Toleranz, das Nebeneinander der Konfessionen, hier zu Hause war.

So haben auch die Maler, jeder auf seine Weise, die Frauenkirche als Herzstück der Stadt begriffen: der Venezianer Canaletto als opulente architektonische Barockinszenierung; die Romantiker Caspar David Friedrich, Carl Gustav Carus und Johan Christian Clausen Dahl als nächtliche Vision; der Zeichner Adolph Menzel sodann als verschachtelt eingerüstete Kuppel; der Impressionist Gotthardt Kuehl als eine Komposition aus Lichtreflexen; die Künstler der Nachkriegszeit schließlich als Trümmerstätte und grausiges Memento.