Und genau so geschah es. Nach einer zweitägigen Kesselschlacht am 11./12. August, in der die deutschen Artilleriegeschütze und Maschinengewehre ein furchtbares Blutbad anrichteten, durchbrachen die verzweifelt kämpfenden Herero die deutschen Linien an der schwächsten Stelle - und liefen in eine tödliche Falle. Trocken vermerkte das Generalstabswerk: "Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Hererovolkes."

Aus der Bekämpfung des Aufstands war ein Vernichtungskrieg geworden. Den Deutschen kam dabei zustatten, daß die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit abgelenkt war durch den russisch-japanischen Krieg. In seinem Windschatten vollzog sich die Tragödie des stolzen Hererovolkes.

Unbarmherzig setzten die deutschen Truppen den panikartig Flüchtenden nach, hetzten sie von Wasserstelle zu Wasserstelle immer tiefer in die Omaheke-Wüste hinein. Den Soldaten boten sich entlang des Fluchtwegs entsetzliche Bilder: Hilflose Männer, Frauen, Kinder hockten, erschöpft und halbverdurstet, im Busch und warteten auf ihr Ende. Kläglich brüllende Rinderherden irrten. von ihren Hirten verlassen, ziellos umher. Ein durchdringender Geruch von verwesenden Kadavern erfüllte die drückend heiße Luft. "Wo wir hinsahen" - so beschrieb ein deutscher Hauptmann die apokalyptische Szenerie -. "nichts als Verzweiflung, Tod. Vernichtung."

Aber noch immer war General von Trotha nicht zufrieden. Er ließ um das Gebiet der Omaheke im Westen und Südwesten einen 250 Kilometer langen Absperrungsgürtel legen, so daß es für die Herero keine Chance des Entrinnens gab. Kaum war dies vollbracht, richtete er am 2. Oktober 1904 eine Proklamation "an das Volk der Herero". Darin hieß es: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr. mit oder ohne Vieh erschossen, Ich nehme keine Weiber und Kinder mehr auf, treibe sie zu Ihrem Volk zurück oder lasse auf sie schießen." Unterzeichnet: "Der große General des mächtigen Deutschen Kaisers".

In einem erläuternden Befehl an die Truppe erklärte von Trotha, daß auffrauen und Kinder nicht direkt, sondern über sie hinweggeschossen werden solle, "um sie zum Laufen zu zwingen". Er nehme "mit Bestimmtheit an, daß dieser Erlaß dazu führen wird, keine männlichen Gefangenen mehr zu machen, aber nicht zu Grausamkeiten gegen Weiber oder Kinder ausartet". In diesen Worten lag ein kaum zu überbietender Zynismus. Denn wohin sollten Frauen und Kinder laufen, wenn über sie hinweggeschossen wurde? Zurück in die Omaheke-Wüste, in den sicheren Tod.

Gouverneur Leutwein war entsetzt über die gnadenlose Ausrottungspolitik von Trothas. Nach einem letzten erfolglosen Protest resignierte er und erbat Anfang November 1904 seinen Urlaub. Doch auch in der militärischen und politischen Führung des Reiches begann man nun, von dem General abzurücken. Reichskanzler Bernhard von Bülow sorgte sich darum, daß das "deutsche Ansehen unter den zivilisierten Nationen" Schaden nehmen könne, und bat Wilhelm II. um die Erlaubnis, die Proklamation von Trothas aufheben zu dürfen. Nach einigem Zögern stimmte der Kaiser zu. In einem Gegenbefehl vom 8. Dezember 1904 wurde den Herero, die sich freiwillig ergaben, Schonung versprochen (soweit sie nicht an Tötungen von Deutschen oder an der Führung des Aufstands beteiligt gewesen waren).

Für die meisten Herero kam der "Gnadenerlaß", dessen Ausführung von Trotha überdies monatelang erfolgreich hintertrieb, zu spät. Viele waren inzwischen in der Omaheke-Wüste elendig umgekommen. Eine Gruppe von über tausend Herero, darunter Häuptling Samuel Maharero. konnte unter großen Strapazen die Wüste durchqueren und im benachbarten Britisch-Betschuanaland Zuflucht finden. Anderen gelang es, durch das deutsche Absperrnetz zu schlüpfen und in das Hereroland zurückzukehren. Sie wurden später zusammen mit den Herero, die sich ergaben, in Sammellager verbracht und zur Zwangsarbeit herangezogen, wobei noch einmal Tausende ihr Leben ließen. Am Ende sollten von den 60 000 bis 80 000 Herero, die vor dem Aufstand in Deutsch-Südwestafrika gezählt wurden, nur etwa 16 000 überleben. Das heißt, daß 75 bis 80 Prozent des Stammes der deutschen Vernichtungspolitik zum Opfer gefallen waren.