Nicht viel besser erging es den Nama, die sich im Oktober 1900 erhoben - zu einem Zeitpunkt, als die Herero militärisch bereits geschlagen waren. Warum Hendrik Witbooi sich nun doch noch zum Aufstand entschloß, ist nicht ganz klar. Vermutlich haben Nachrichten über die brutale deutsche Kriegführung gegen die Herero eine Rolle gespielt. Im Unterschied zu den Herero verzichteten die Nama darauf. sich zu einer Entscheidungsschlacht zu stellen: vielmehr wählten sie von Antang an die Methoden des Guerillakrieges, die sie meisterlich beherrschten. Nachdem Hendrik Witbooi im Oktober 1005 gefallen war. übernahmen andere die Führung, unter ihnen der legendäre Jakob Morenga. Nur wenige hunden Namakrieger verwickelten eine Streitmacht von 14 000 deutschen Soldaten in jahrelange Kämpfe.

Von Trotha wurde im November 1905 abberufen, aber auch seine Nachfolger mühten sich lange vergeblich, die Flamme der Rebellion zu ersticken. Erst Ende März 1007 wurde der Kriegszustand in Südwestafrika offiziell für beendet erklärt. Von den 20 000 Angehörigen der Namastämme lebten 1911 nur noch 9781. also noch knapp die Hälfte.

Auf die Herero und Nama, die Krieg. Gefangenschaft und Deportationen überlebten, warteten schwere Zeiten. Durch die "Eingeborenenverordnungen" von 1906/07 wurde nicht nur alles Stammesvermögen, also Land und Vieh. konfisziert, sondern auch die Stammesorganisation selbst aufgelöst. Arbeitszwang (mit "Dienstbuch") und Paßpflicht unterwarfen die "Eingeborenen" einer lückenlosen Kontrolle und machten aus ihnen besitzlose Lohnarbeiter. Heftig kritisierte der junge Zentrumsabgeordnete Matthias Erzberger diese radikale Zerstörung einer gewachsenen Lebensordnung: "Das Ideal der "wirtschaftlichen Kolonialpolitiker' geht seiner Verwirklichung entgegen: Der Schwarze wird 'Arbeitstier' beim Weißen! Eine moderne Sklaverei hält mit dieser Verordnung ihren Einzug in Südwestafrika."

Der erste Krieg des wilhelminischen Deutschland kostete über 1500 deutschen Soldaten das Leben. Die Ausgaben für den Militäreinsatz addierten sich auf die riesige Summe von 585 Millionen Mark. Neben der ruinösen Flottenrüstung trug der Kolonialkrieg entscheidend zur Zerrüttung der Reichsfinanzen bei.

Gravierender waren allerdings die Langzeitfolgen: In Deutsch-Südwestafrika wurde, wie Helmut Bley in seiner bahnbrechenden Studie über "Kolonialherrschaft und Sozialstruktur" (1968) gezeigt hat, die Schwelle zum Totalitären überschritten. Die Radikalisierung In Mentalität und Verhalten der weißen Siedlergesellschaft schlug aufs Mutterland zurück. In von Trothas "Kolonialpolitik des Schwertes" sind bereits Tendenzen zur Entgrenzung und Brutalisierung der Kriegführung erkennbar, die sich im Ersten Weltkrieg, etwa in deutschen Massakern an belgischen Zivilisten, fortsetzten und im Zweiten Weltkrieg im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion kulminierten.

In den rassistischen Konzepten zur Versklavung der "Eingeborenen", wie sie der Publizist Paul Rohrbach, zeitweilig Ansiedlungskommissar in Südwestafrika, formulierte, wurde manches vorgedacht, was später Eingang fand in die Planungen zur Eroberung und Unterwerfung der Völker Osteuropas. Betrachtet man zum Beispiel die Karriere eines Wissenschaftlers wie die des Mediziners Eugen Fischer, der 1908 in Südwestafrika Material für seine Studien über die Rehobother Bastards sammelte. 1927 zum Direktor des Kaiser-Wilhelm-lnstituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik ernannt und 1933 zum Rektor der Berliner Universität gewählt wurde, ist die Kontinuität zwischen wilhelminischer Kolonial- und nationalsozialistischer Rassenpolitik mit Händen zu greifen.

Im Oktober 1993 traf sich der fast hundertjährige Traditionsverband ehemaliger Schutzund Überseetruppen zu seiner Jahrestagung in Bad Lauterberg im Harz. Verbandsvorsitzender Klaus Vollmer, ein pensionierter Brigadegeneral der Bundeswehr, sagte bei der Gedenkfeier am Grabe der Mutter und Schwester Hermann von Wissmanns, des ersten Reichskommissars in Deutsch-Ostafrika: "Wir leben nicht nur in Gedanken in der Historie des deutschen Übersee-Wirkens. Wir leben in unserem Deutschland, in dem auch zu dieser Stunde nicht nur einige, nicht nur Hunderte. sondern Tausende von Familienangehörigen um ihre Männer. Väter. Freunde bangen: Um Soldaten der Bundeswehr im Einsatzauftrag der Vereinten Nationen, die heute in Kambodscha oder in Somalia im Einsatz sind beziehungsweise sich auf die Ausreise nach Somalia vorbereiten ...