Verzweifelt versuchen Eleonora Fonseca Pimentel und die Ihren, die Republik Neapel zu verteidigen. Vom Volk geschmäht, von Frankreich im Stich gelassen, bleibt ihnen nur die Kapitulation.

Am 20. August 1799 starb auf der Piazza del Mercato in Neapel die Marchesa Eleonora Fonseca Pimentel am Galgen. Trotz ihres Adelstitels hatte man es ihr versagt, statt durch den Strick unter dem Beil zu sterben. Begierig wartete die vieltausendköpfige Menge darauf, der Gehenkten unter den Rock zu schauen, denn selbst die Benutzung eines Gürtels zum Zusammenbinden der Beine war der Marchesa verweigert worden.

Mit so viel Grausamkeit und Demütigung über den Tod hinaus wurde Eleonora dafür bestraft, dass sie sich an führender Stelle in der "Parthenopäischen Republik" engagiert hatte, die nur fünf Monate - von Ende Januar bis Mitte Juni 1799 - existierte. Der Rachedurst der zurückgekehrten Monarchen war lange nicht gestillt. Zwischen August 1799 und September 1800 starben 122 Menschen am Galgen und unter dem Beil, letztes Opfer war mit Luisa Sanfelice wiederum eine Frau.

Auch die physische Vernichtung der Revolutionäre genügte der Monarchie nicht; sie ließ alle Akten und Dokumente über die Prozesse zerstören und nur die Abrechnungen über die Kosten der Exekutionen (und damit wenigstens die Namen der Hingerichteten) übrig. Die Erinnerung an die Ereignisse des Jahres 1799 war jedoch auch mit solchen Maßnahmen nicht auszulöschen, sondern wurde umso mehr zu einer Mischung aus Geschichte und Legende, die bis heute in der neapolitanischen Volkstradition lebendig ist.

Der Lebens- und Leidensweg der Eleonora Fonseca Pimentel ist emblematisch für diese Revolution voller Heroismus und Naivität, tragischen Scheiterns und lächerlicher Realitätsblindheit, weltpolitischer Implikationen und privater Affären. Eleonoras aus Portugal stammende Familie war 1760 aus dem Kirchenstaat nach Neapel übersiedelt, weil die Stadt eine der größten und kulturell lebendigsten Städte Europas war und als besonders liberal und weltoffen galt. Das Königreich Neapel und Sizilien spielte zwar ausserhalb Italiens politisch keine eigenständige Rolle mehr - nach den Wirren des spanischen Erbfolgekrieges hatte es als Sekondogenitur der spanischen Bourbonen seit 1735 wieder den Status eines selbstständigen Königreiches erhalten, blieb aber geopolitisch begrenzt "vom Salz- und vom Weihwasser" (das heißt vom Kirchenstaat). Als Stadt der Künste und des Geistes jedoch erlebte Neapel seit dem 17. Jahrhundert eine aussergewöhnliche Blütezeit und wurde in einem Atemzug mit Paris genannt. In der Musik, in der Schule der Scarlatti, Jomelli, Pergolesi und Cimarosa feierte der "Genius des neapolitanischen Volkes" (Rousseau) europaweit Triumphe, nirgends aber war diese Musik so großartig zu hören wie in Neapel selbst, in seinem 1735 neu erbauten Teatro di San Carlo.

Auch auf anderen Gebieten übertraf die Lebendigkeit des geistiges Lebens in Neapel bei weitem alle übrigen Staaten Italiens. Im Norden der Halbinsel, im Königreich Sardinien-Piemont, galt "Denken als Tick, und Schreiben als lächerlich", in Neapel dagegen konnten bedeutende Gelehrte wie der Historiker Pietro Giannone, Antonio Genovesi, Inhaber des ersten europäischen Lehrstuhles für Politische Ökonomie, und Gaetano Filangeri, Jurist, Rechtsphilosoph und Pädagoge - um nur einige der wichtigsten Namen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu nennen - ihre Ideen frei verbreiten. Sie waren Gründer und Mitglieder der zahlreichen Akademien und verkehrten in den Salons von Fürstinnen, die klingende Namen wie Caracciolo, Carafa oder Serra di Casano trugen.

In diesen Kreisen bewegte sich auch Eleonora. Nicht das eher bescheidene Vermögen ihrer Familie verschaffte ihr Zugang und auch nicht ihr Adelstitel, der in Neapel erst durch die Eheschließung mit einem ungeliebten einheimischen Adeligen anerkannt wurde. Allein aufgrund ihrer außergewöhnlichen Intelligenz und umfassenden Bildung wurde sie 1768, im Alter von sechzehn Jahren, Mitglied und umschwärmter Mittelpunkt der Accademia dei Filaleti (Freunde der Wahrheit) und wenig später der noch wichtigeren Arcadia. Hier diskutierte man nicht nur allgemein über literarische, philosophische, juristische und ökonomische Fragen, sondern auch über ganz konkrete Reformprojekte. Eleonora trug dazu beispielsweise mit der Übersetzung einer lateinischen Schrift gegen die päpstliche Lehenshoheit über das Königreich Neapel bei, eine Arbeit, die ihr immerhin ein jährliches Gehalt der Krone einbrachte.