Als am 19. Juli 1937 in München die Ausstellung "Entartete Kunst" eröffnet wurde, befand sich zwischen den rund sechshundert Werken der Moderne auch ein einziges Foto einer mittelalterlichen Skulptur. Es war eine Abbildung der Uta von Naumburg, die hier freilich nicht wie alle anderen Exponate denunziert werden sollte, aondern die man als maßstäbliches Gegenbild wahrer Kunst propagierte: als Engel unter lauter Teufeln, als vornehmste Hüterin deutscher Kultur, deren Erscheinung - so der Kunsthistoriker Eberhard Preime - "wie eine Schranke das Häßliche und gemeine von ihr trennt." Indem Uta das einzige Gegenbild war (nicht einmal assistiert vom Bamberger Reiter), stilisierte man sie zu einer heroischen Kämpferin wider die Zumutungen des undeutschen Geistes.

Bis heute erwarten etliche Besucher des Naumburgers die Figur der Uta ebenfalls auf einsamen Posten: plaziert vor dem Dom, weithin von der Macht des Mittelalters kündend. Um so größer ist die Verwunderung, sie im Westchor zu finden, integriert in einem Reigen von zwölf Stifterfiguren, die dort um 1250 von einem unbekannten Meister erschaffen und fest eingemauert wurden. So kann auch nicht stimmen, was jene überraschten Besucher meist behaupten: Früher, in den Dreißiger Jahren, habe Uta gewiß vor dem Dom gestanden. Der Streich, den das Gedächtnis hier offenbar gerne spielt, ist jedoch ziemlich einfach aufzuklären: Nicht nur als Gegenbild zur "Entarteten Kunst" befand sich Uta alleine, sondern oft wurde sie wie eine Solitärfigur abgebildet und, in den letzten Jahrzehnten ihrer innigsten Verehrung, vor allem immer wieder einsam und unnahbar, als Sinnbild deutschen Wesens, des "Ewigen Deutschland", beschrieben und beschworen.

Die einsame Uta - hier konnten sich Sehnsüchte eines mythenbedürftigen Publikums ausleben wie kaum sonst einmal, da historischeFakten der Phantasie fast keine Grenzen setzen: Markgräfin Uta, eine Adlige des 11 . Jahrhunderts, entstammte dem Geschlecht der Askanier in Ballenstedt. Sie war verheiratet mit Ekkehard II., Markgraf von Meißen. Das Ehepaar hatte keine Nachkommen, weshalb sein Vermögen als Stiftung einem Vorgängerbau des Naumburger Doms zufloß. Das ist alles, was wir heute über sie wissen, mehr ist nicht zu belegen. Was immer Uta nachgesagt wurde, es nahm seinen Ausgang ausschließlich von ihrerStatue; da diese jedoch erst rund zweihundert Jahre nach dem Tod der Markgräfinentstanden ist, kann sie keinesfalls Portraitcharakter besitzen. Wenn Schelling einmal feststellt, die Griechen hätten allein durch ihre plastische Kunst auf ihre Göttergestalten kommen können, so wurden die Deutschenalso tatsächlich allein durch eine Skulptur zu einem Mythos angeregt.

Dieser Mythos ließ freilich lange auf sich warten. Weder aus dem Mittelalter noch aus der frühen Neuzeit sind Dokumente über die Stifterfiguren - oder gar über Uta im besonderenüberliefert, und für die Zeit der Klassik und Romantik kann man sogar ausdrückliches Desinteresse an den Skulpturen des Westchors konstatieren. Weder Wieland noch Goethe, noch Herder, noch Schiller, noch Novalis haben sie je erwähnt. Zu antikenfern waren die Naumburger Statuen für den damaligen Geschmack; so wiesie im Rund des Westchors stehen, ruhen sie nicht in der Art klassischer Bildwerke in sich, sondern scheinen vielmehr, zum Teil sogar dramatisch erregt,aufeinander Bezug zu nehmen. Außerdem erstrahlen sie nicht in Marmorweiß, sondern sind aus Sandstein - und gar noch bunt bemalt, was sie für Kunstsinnige über Generationen hinweg von vornherein disqualifizierte und als bloße Volkskunst abstempelte.

Daß gerade Uta sich dennoch als beinahe klassische Figur ansehen ließ, begriffman wohl erst, als sie auf Photos - in Schwarzweiß! -, herausgelöst aus ihrer Umgebung, präsentiert wurde. Nun erkannte man auf einmal ihre "ruhige und kühle" Erscheinung, die man auch als "klar und makellos" oder "ganz in sich gesammelt" lobte: "Ihre Bewegung kommt von einer inneren Mitte her, wie sie sonst nur dem plastischen Instinkt der Griechen entspringt." So konnte Uta als Vorbild angesonnen werden - als "das deutsche Frauenideal, das immer und ewig unsere Sehnsucht bleiben wird", wie es Lucy Nath 1936 formulierte. In den zwanziger Jahren fand diese Metamorphose Utas zur nationalen Ikone statt, die damit gleichsam ein früher Medienstar war - vielleicht der einzige, den allein die Photographie hervorgebracht hat.

Vor allem dem Naumburger Photographen Walter Hege (1893 bis 1955) hat Uta ihreKarriere zu verdanken. Von 1921 an ging erzunächst aus Mangel an Aufträgen - Studien im Naumburger Domnach und erkundete dabei insbesondere die für die einzelnen Statuen jeweils photogensten Lichtverhältnisse. Hege gehörte der Generation an, die von der Niederlage des Ersten Weltkriegs enttäuscht und früh kulturpessimistisch geworden war; deshalb faszinierte ihn wohl auch die Ausdrucksstärke und existentielle Spannung der Figuren, in denen er die Schwermut seiner eigenen Zeit veredelt wiederfand. Gerne photographierte er die Figuren aus leichter Untersicht und im Profil odervergrößerte Ausschnitte, bis das Motiv etwas unscharfwurde und die Oberfläche des Steins wie Haut schimmerte. So vermittelte er die Stifter als gleichsam lebende Menschen - und als leidendeZeitgenossen. Vor allem aber hob er Uta als Solitärfigur heraus und schuf mit ihr allein, sicher ohne Absicht, ein Bild, das weniger als individuelle Charakterstudie dennals zeitloser Ausdruck von "Stolz und Würde" Verbreitung fand. Gerade aus dem Gegensatz zu einigen der anderen Stifter leuchtete Uta um so makelloser hervor profitierte von deren Nachbarschaft aber auch insofern, als etwas von der vermeintlich schicksalsschweren Atmosphäre des Westchors auf sie überging. Letztlich beeindruckte sie mit einer je nach Betrachter unterschiedlich empfundenen Verbindung von Lebensnähe und Klassizität: Wer dem antiken Skulpturenideal anhing, der verglich sie mit einer griechischen Göttin, wer hingegen den expressionistischen Gestus liebte, dem erschien sie voller Leben.

Ekkehard verröchelt im gräßlichen Todeskampf

Es war gerade diese Mischung aus Idealität und Pathos, die Uta als Inbild der Einsamkeit erscheinen ließ. Ihre Ausstrahlung von Klarheit, Kühle und Strenge führte dazu, ihr übermenschliche Unnahbarkeit zu attestieren; zugleich war dies aber auch die Unnahbarkeit einer anmutig-schüchternen, fast ätherisch-zarten Gestalt. So lassen Beschreibungen der Uta an die griechische Göttin Artemis denken: Wiediese sich als abstandgebietend und lieblich, als scheu und hart zeigt, immer einsam und zivilisationsfern, so wird auch Uta als "scheues Wild" bezeichnet, mit "scharfen und doch sanften Augen", voll "abweisender Strenge und lockender Fraulichkeit", "zugleich fern und nah". Die Frauenrechtlerin Gertrud Bäumer sah 1928 in Uta gar ein Wesen "des deutschen Waldes, mit langem, hartem Winter voll Einsamkeit und Grauen im Finstern, Frühlingsstürmen über tauendem Schnee, hart und herb, aber mit innerster Lindheit getränkt".

Doch anders als Artemis ist Uta nicht jungfräulich allein, sondern sie ist Markgräfin und verheiratet mit Ekkehard, dessen Standbild sich auch direkt nebendem ihren befindet (aus demselben Stein gehauen!). Wer sie sich, inspiriert von ihrer artemisischen Idealität, als geheimnisvoll und unabhängig vorstellt, wird sich durch diesen - überdies herrisch-entschlossen wirkenden - Gatten gestört fühlen.

Das führte allerdings zu den seltsamsten und phantastischsten Deutungen. Zumal der zur Seite Ekkehards hin hochgeschlagene Mantelkragen gilt den Verehrern ihrer mädchenhaften Sprödigkeit (gerade in den zwanziger Jahren) als deutliches Zeichen der Abwehr. Entsprechend wird Ekkehard gerne als unsympathisch und brutal beschrieben, undeinige Autoren versteigen sich gar zu einem verbalen Ikonoklasmusals könnten sieauf diese Weise Uta aus der Enge dieser Bindung befreien. Ekkehard verwandelt sich in einen "Heuchler und Meuchler", derso will es etwa Richard Stöwesand noch in den fünfziger Jahren - "eines Tages unvermutet, von plötzlicher Atemnot befallen, blaurot anläuft, vergeblich nach Luft ringt und nach einem gräßlichen Todeskampfe elend verröchelt". Als "unerträglich" erscheint Utas Position neben Ekkehard im Dom, und weiter heißt es, ihre Haltung dem Gatten gegenüber bezeuge "nun schon jahrhundertelanghart und steinern und unverrückbar immer nur das eine: Rühre mich nicht an! Rühre mich nicht an!"

Phantasien, Projektionen: Allein ein halbes Dutzend Romane und Erzählungen - alle in den dreißiger Jahren erschienen - beschäftigen sich mit Utas unglücklicher Ehe, wobei es vor allem um das einzig überlieferte biographische Faktum geht, nämlich die Kinderlosigkeit des Paares. Utas Einsamkeit ist nun nicht nur scheue Unnahbarkeit als vielmehr Unerfülltheit und Unverstandensein: Ihr Mann, den sie ohnehin bloß widerwillig heiratete, kümmert sich ausschließlich um Land und Macht, läßt sie viel allein und kann sich auch gar nicht in die Psyche einer Frau hineindenken. Sie fühlt sich fremd in dieser Umgebung, denkt sogar an Selbstmord, und so nimmt man es ihr auch nicht übel, wenn sie in Erinnerungen an eine ferne Jugendliebe versinkt. Diese findet heimliche Fortsetzung, nimmt letztlich aber ein grausames Ende, weil Ekkehard den Nebenbuhler umbringt.

Die Motive von anmutiger Scheu und Hoheit einerseits und bitterer Einsamkeit andererseits genügten, um Uta für einige Jahrzehnte kultisch zu verehren. In diesem Minimum an Ausgangsmaterial zeigt sich zugleich das Gerüst, das auch anderen Frauen-Mythen zugrunde liegt. Man denkt an Sisi, die ebenfalls nicht nur wie eine Artemis anmutig und zugleich stolz war, sondern die sich vor allem am Wiener Hof und in ihrer Ehe mit Kaiser Franz Joseph einsam fühlte, sich immer weiter zurückzog und schließlich als anonym Reisende unglücklich irgendwo in Europa verschwand. Und man denkt natürlich auch an Diana, das schüchterne Mädchen, die selbstbewußte Prinzessin, welche die Enge des Zeremoniells, die Nähe zu einem ihr wesensfernen Mann nicht mehr aushielt und der Einsamkeit zu entkommen versuchte.

Nur ein Frauenbild war in der Zeit intensiver Uta-Huldigung stark genug, diesemübermächtig-uniformen Unglücks-Plot etwas entgegenzusetzen: das Bild der deutschen Frau , wie es die Nazis propagierten. Dem Nationalsozialismus war der Gedanke zuwider, daß eine Frau sich von ihrem Mann "abschottet", die Verbindung gar kinderlos bleibt, weshalb man eine noch heldenhaftere Version des Ehelebens von Ekkehard und Uta ersann. So stehen beide gemeinsam "im Kampf um Deutschland" (wie es in einem Gedicht des Naumburger Lehrers Roland Langermann heißt) und verteidigen das Reich gegenallseits drohende Feinde. Doch auch hier spielt die Einsamkeit eine große - und pathetische-Rolle, aufgeladen diesmal zum Opfer: Während Ekkehard Schlachten schlägt, wacht Uta geduldig und zu jedem Verzicht bereit an der Heimatfront. Als "hohes Sinnbild deutscher Frauenwürde" wurde diese Uta etwa in einer Feierstunde gepriesen, welche die NSDAP am 26. Februar 1938 im Naumburger Westchor veranstaltete: "Und wenn sie sagen, daß Dueinsam seist, / Weil er sein Leben nur im Schwerte zeigt, / Auch das ist Frauengröße, die wir kennen!"

Eine junge Unbekannte steht am Wegrand

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg, als siedann half, Leid und Entbehrung zu etwas Erhabenem - eben zu einem Opfer - zuverklären, wurde diese Uta so zur Identifikationsfigur nationalistischer Kampfrhetorik. Ja, am Ende erschien sie geradezu als First Lady des "Dritten Reiches", ersatzweise, da Eva Braun (ihrerseits oft einsam und unglücklich) von Hitler aufdem Obersalzberg versteckt gehalten wurde.

Mit dem Appell an Verzicht und Opfermut entzog man Uta vor allem einer zu emanzipationsfreudigen Phantasie und verpflichtete sie auf weiblichen Gehorsam: Letztlich, so will es ja schon der Naumburger Meister, steht sie doch als treue Gattin neben Ekkehard. "Ich bleib' an deiner Seite, Ekkehard, dir Rede stehend, wenn du mich befragst,gehorsam, schutzbedürftig und bereit, dir Schmerz zu lindern, Freude zu erhöhn." Diese Worte Utas beschließen ein Drama von Felix Dhünen, das sie zur Titelfigurhat und das zwischen 1934 und 1944 an immerhin über hundert deutschsprachigen Theatern inszeniert wurde. Nach einer turbulenten Handlung, in deren Verlauf Uta knapp einem Hexenprozeß entgeht und sich in einen heldenhaften Retter verliebt, findet sie zögernd zu Ekkehard zurück. Als Schlußbild stehen beide wie im Naumburger Dom - die Schauspieler erstarrenzu lebenden Bildern, die den Ausdruck der Steinfiguren möglichst getreu nachzuahmen haben. Gerade für die jeweilige Uta-Darstellerin keine leichte Aufgabe, ist doch bereits in der Regieanweisung bemerkt, ihr Vorbild sei "etwas Einmaliges, durchschauspielerische Bemühung nicht zu Erreichendes".

Einsamkeit, entsagungsvoll-schwermütig hingenommen und gar zum heroischen Opferüberhöht - das paßte freilich auch sonst immer wieder gut. Wer etwa die deutsche Kultur von feindlichen Einflüssen bedroht sah, ja wer voller Ressentiments gegenüber moderner Zivilisation und großstädtischem Leben war, flüchtete sich in den Naumburger Westchor - in diese "Halle deutscher Innerlichkeit" (Curt Freiwald, 1937) - und ließ sich vor Uta nieder, In ihr fandman Trost, denn sie ist selbst "einsam in der Welt, die viel zu grell ist für ihre blütenhaft feine und zarte Seele". Die Einsamkeit des Sensiblen, des Künstlers, ja, des Genies klingt hier bereitsan. Als standhafte Vertreterin hoher Kultur, die diese Einsamkeit heroisch erträgt,konnte man Uta so auch ,gegen die "Entartete Kunst" antreten lassen. Wer sonst hätte diesen Dienst fürs deutsche Wesen vergleichbar gut leisten können?

Uta war vielfältig verwendbar, einsatzbereit für fust alle Aufgaben, die man ihr übertrugund leider gegen keine Ideologie resistent. Erst in den sechziger Jahren ließ das Interesse an ihr nach, nachdem es zuvor noch ein paar Versuche gegeben hatte, sie zum Symbol der deutschen Einheit zu stilisieren - etwa mittels einer Briefmarke, die 1957 in (West-)Berlin ausgegeben wurde. Doch es wollte nicht gelingen. Ein neues Lebensgefühl brach sich Bahn, zu dem Utas Opferpathos nicht mehr paßte. Sie verschwand weitgehend aus der Öffentlichkeit und zog sich, einer verlassenen Diva gleich, in den Naumburger Westchor zurück. Ende einer Karriere? Jedenfalls scheint kaum mehr möglich, was der Schriftsteller Lothar Schreyer 1934, zur Hochzeit von Utas Ruhm, in einem vielgelesenen Buch verheißen hatte: "Du siehst eine junge unbekannte Frau am Wegrand stehen und über den Acker der Heimat blicken. In ein großes graubraunes Tuch, vielleicht ist es ein Kartoffelsack, hat sich die junge Frau gehüllt. Nur das Haupt ist unverhüllt, und das helle Haar, gleich einer Krone um die Stirn gelegt, leuchtet. Das Gesicht ist ernst und schön. Sie steht da als das Schicksal. Das ist Frau Uta."

Mehr über Frau Uta im Buch des Autors, "Uta von Naumburg. Eine deutsche Ikone" (143 S., Abb.,29 Mark), das gerade im Verlag Klaus Wagenbach, Berlin, erschienen ist.