2005 verbrannte Oury Jalloh in einer Gefängniszelle in Dessau in Sachsen-Anhalt. Die Behörden sagten im Anschluss, Oury Jalloh habe sich und seine Matratze selbst mit einem Feuerzeug angezündet. Mehrere privat beauftragte Brandgutachten widersprechen dieser Version. Trotzdem wurde das Verfahren 2017 eingestellt. Oury Jallohs Familie sagt: "Das war Mord." Nadine Saeed engagiert sich seit elf Jahren in der Initiative in Gedenken an Oury Jalloh. Im Gespräch erzählt sie, warum sie nicht müde wird, für eine Aufklärung des Falls zu kämpfen.

ze.tt: Es gibt schon mehrere Gutachten von euch, die bestätigen, dass Oury Jallohs Tod sehr wahrscheinlich durch Fremdeinwirkung verursacht wurde. Warum habt ihr jetzt noch mal eins beauftragt?

Nadine Saeed: Der gesellschaftskritische Filmemacher Mario Pfeifer hat uns angesprochen und gefragt, ob wir das Thema noch mal mit ihm zusammen aufgreifen wollen. Wir haben dann den britischen Brandsachverständigen Ian Peck eingeflogen, mit dem wir schon für frühere Gutachten zusammengearbeitet haben. Mit seiner Hilfe haben wir den Brand unter möglichst realistischen Bedingungen rekonstruiert. Wir arbeiten mit internationalen Expert:innen, weil keine deutschen Expert:innen zu diesem Fall arbeiten wollen. Außerdem gewährleisten wir dadurch absolute Unabhängigkeit gegenüber den deutschen Behörden. Mario Pfeifer hat die Brandversuche gefilmt und uns so ermöglicht, den Tathergang sichtbar zu machen. Wir haben uns an alle Standards für wissenschaftliche Untersuchungen bei Brandversuchen gehalten und dabei erneut festgestellt: Die Zellentür muss offen gewesen sein und es muss eine Menge Brandbeschleuniger auf den Körper und die Matratze gekippt worden sein, um einem Körper derartige Verletzungen zuzufügen. Mit dem neuen Gutachten liefern wir weitere Fakten, die belegen, dass es wissenschaftlich unmöglich ist, dass Oury Jalloh sich selbst angezündet hat. 

ze.tt: Glaubt ihr, dass dieses Gutachten mehr bewirken wird als die letzten? 

Saeed: Ja, die Öffentlichkeit hat ein starkes Interesse an dem Fall. Das merken wir auch an den medialen Reaktionen. Die Ermordung von George Floyd im vergangenen Jahr hat die Menschen für das Thema Polizeigewalt sensibilisiert. Auch jene, die nicht von Rassismus betroffen sind. Gleichzeitig sind weitere ähnliche Fälle bekannt geworden: Ich erinnere an Amad Ahmad, der 2018 in Kleve in einer Polizeizelle verbrannte. Oury Jalloh ist kein Einzelfall. Wir bauen Druck auf, indem wir Fakten liefern. Was Staatsanwaltschaften, Behörden oder die Politik daraus machen, wird sich zeigen. Wir sind aber zuversichtlich. 

ze.tt: Wie teuer war es, dieses Gutachten zu beauftragen? 

Saeed: Die Rechnung für das neue Gutachten haben wir noch nicht erhalten. Ich schätze, es wird bis zu 5.000 Euro kosten. Für ein früheres Brandgutachten, das wir 2013 in Irland beauftragt haben, haben wir um die 35.000 Euro gesammelt. Als wir anfingen, haben wir kleine Soli-Partys geschmissen, bei denen um die 300 Euro zusammenkamen. Inzwischen unterstützen uns viele Menschen mit privaten Spenden, auch größere Organisationen und Vereine solidarisieren sich mit uns. Bei einem öffentlichen Spendenaufruf konnten wir 120.000 Euro sammeln. Dieser Zuspruch bestätigt uns in unserer Arbeit und ermöglicht es uns, unabhängige Untersuchungen durchzuführen. 

Die Justiz schützt Täter:innen in Uniform.
Nadine Saeed

ze.tt: Was sagt es über unser Justizsystem aus, dass ihr den Fall als private Initiative aufklärt? 

Saeed: Das zeigt, dass die Justiz in Deutschland für bestimmte Gruppen dieser Gesellschaft oft nicht funktioniert, zum Beispiel für migrantische Menschen. Die Kampagne Death in Custody hat auf ihrer Website eine Aufzählung von 199 Todesfällen in Polizeigewahrsam und durch Polizeigewalt in Deutschland seit 1990 veröffentlicht. Betroffen sind vor allem Schwarze Menschen und People of Color. Diese Menschen wurden erschossen, erstochen oder angezündet – im Nachhinein heißt es beispielsweise oft, es sei Notwehr gewesen. Die Justiz schützt Täter:innen in Uniform. Als 2014 der Polizist Andreas S. wegen fahrlässiger Tötung von Oury Jalloh zu einer Geldstrafe von 10.800 Euro verurteilt wurde, kam bei uns die Message an: Polizist:innen können Menschen in eine Zelle sperren. Können sie körperlich misshandeln und mutmaßlich anzünden. Und zahlen maximal eine Geldstrafe. Deshalb gibt es die Initiative in Gedenken an Oury Jalloh: Wir fordern Gerechtigkeit. Es ist schon ziemlich krass, dass wir als Zivilgesellschaft gezwungen sind, Gutachten zu beauftragen und selbst zu ermitteln, um Morde aufzuklären.

ze.tt: Ihr organisiert jedes Jahr im Januar den Gedenkmarsch für Oury Jalloh in Dessau. Wie wird dort mit euch umgegangen? 

Saeed: Auf einer Demonstration 2012 in Dessau wurden wir beispielsweise von der Polizei rechtswidrig angegangen. Es hieß, wir dürften nicht rufen: "Oury Jalloh, das war Mord." Dabei hatte ein gerichtliches Urteil vom Oberverwaltungsgericht Magdeburg bereits bestätigt, dass diese Aussage unter die Meinungsfreiheit fällt. Uns wurden die Transparente entrissen. Natürlich haben die Demonstrierenden sich darüber aufgeregt. Wir wurden angezeigt wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Es kam auch zu Gerichtsverhandlungen. Die Verfahren wurden alle eingestellt.

Oury Jallohs Familie hat ein Recht auf die Wahrheit. Sie haben ein Recht darauf, die Würde ihres Bruders, ihres Sohnes und Familienangehörigen zurückzubekommen.
Nadine Saaed

ze.tt: Die Initiative stand immer in engem Kontakt mit Oury Jallohs Familie. Wie hast du sie über die Jahre erlebt? 

Saeed: Für die Familie ist das emotional sehr belastend. Oury Jallohs Vater und seine Mutter sind mittlerweile leider verstorben. Seine Mutter war im Zuge des Verfahrens gegen Andreas S. öfter in Deutschland. Sie lebte in Guinea. Nach ihrer Rückkehr ist sie im Frühling 2012 an Herzversagen gestorben. Saliou, sein Bruder, fängt immer an zu weinen, wenn er über Oury und den Fall spricht. Er kann nicht mehr. Oury Jallohs Familie hat ein Recht auf die Wahrheit. Sie haben ein Recht darauf, die Würde ihres Bruders, ihres Sohnes und Familienangehörigen zurückzubekommen. Dafür kämpfen wir.

ze.tt: Du engagierst dich seit elf Jahren bei der Initiative. Verlierst du manchmal den Mut? 

Saeed: Nein, absolut nicht. Je näher wir der Wahrheit kommen, umso mehr Kraft schöpfe ich. Den anderen in der Initiative geht es genauso. Auch wenn wir Repressionen erfahren, auch wenn Verfahren eingestellt werden: Wir bauen weiter Druck auf. Wir haben schon früh beschlossen, unsere Arbeit nicht von den Entscheidungen staatlicher Behörden abhängig zu machen. Wenn also der Generalstaatsanwalt schreibt, das Verfahren sei eingestellt, regen wir uns darüber auf – aber wir machen weiter. Wir bauen mit der Initiative eine eigene Form der Untersuchung auf, losgelöst von der Justiz. Durch die Spenden, die wir erhalten, sind wir frei in unserer Arbeit. Die Menschen, die uns supporten, vertrauen darauf, dass wir das Richtige tun.

ze.tt: Was fordern Oury Jallohs Familie und die Initiative jetzt im nächsten Schritt?

Saeed: Wir fordern, dass die Ermittlungen im Fall Oury Jalloh wieder aufgenommen werden, und zwar nicht von den Behörden in Sachsen-Anhalt, sondern durch die Bundesanwaltschaft. Im Gegenteil: Die Behörden in Sachsen-Anhalt müssen zur Verantwortung gezogen werden für Missstände bei den Ermittlungen. Unsere Anwält:innen und eine Anwältin der Familie bereiten aktuell eine Strafanzeige wegen Strafvereitelung im Amt gegen die Generalstaatsanwaltschaft in Naumburg vor, die wir bei der Bundesanwaltschaft einreichen werden. Die Behörden in Sachsen-Anhalt müssen zur Verantwortung gezogen werden.