Die Kurdin Jina Amini starb am 16. September, nachdem sie während ihrer Inhaftierung von der sogenannten Sittenpolizei im Iran misshandelt worden war. Grund für ihre Verhaftung war ihr vermeintlich zu unislamisch getragenes Kopftuch. Im Iran protestieren seitdem Frauen für Selbstbestimmung. Manche bezahlen dafür mit ihrem Leben.
In Deutschland werden die Proteste für sexistische und antimuslimische Zwecke instrumentalisiert. Beispielsweise von der AfD. Laut einer Pressemitteilung der Bundestagsabgeordneten Beatrix von Storch sei das Kopftuch ein "Symbol einer islamisch-fundamentalistischen Gesinnung", das für "Unfreiheit und Unterdrückung" stehe. Jene Stimmen, die zuvor negiert hatten, dass Frauen selbst über einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden sollten, inszenieren sich nun als Freiheitskämpfer:innen für Frauen, die Kopftuch tragen. Von Storch nutzt die Proteste im Iran, um über ein Kopftuchverbot in Deutschland zu sprechen. Dabei ist ein Kopftuchverbot genauso frauen- und freiheitsfeindlich wie der Kopftuchzwang im Iran.
Die Befürworter:innen des Kopftuchverbots sehen es als ihre Aufgabe, muslimische Mädchen und Frauen zu beschützen – vor dem unterdrückenden Islam oder der Alltagsdiskriminierung. Nach dem Motto: Wer Kopftuch trägt und deswegen diskriminiert wird, ist selbst schuld. Diese Täter-Opfer-Umkehr erinnert an die Schuldzuweisung von Frauen, die sexuell missbraucht wurden, weil diese vermeintlich "falsch angezogen" waren. Frauen, die Kopftuch tragen, werden nicht aufgrund des Schleiers diskriminiert – sondern weil sie in einer antimuslimisch-rassistischen Gesellschaft leben. Eine Gesellschaft, die sie aufgrund ihres Kopftuchs als weniger wertvoll ansieht. Ein Kopftuchverbot bekämpft diesen Rassismus nicht, es ist eine leere, populistische Forderung – die fatale Folgen haben kann.
Ein pauschales Kopftuchverbot verletzt nicht nur die Religionsfreiheit und das Recht auf Selbstbestimmung. Die Forderung danach befeuert auch rechte und islamistische Narrative. Islamist:innen nutzen das Opfernarrativ vom vermeintlich bösen Staat, der gegen Muslim:innen ist und die Rechte der muslimischen Frau bedroht. Von dieser "Wir gegen die da oben"-Mentalität werden insbesondere junge Menschen angezogen.
Frauen sollen selbst entscheiden – aber lieber nicht alle?
Auch vermeintliche Feminist:innen wie die Autorin Birgit Kelle nutzen die Situation im Iran dafür, muslimische Frauen als Menschen zweiter Klasse zu degradieren. In einem Interview mit Bild TV sagte Kelle, dass für die Selbstbestimmung und Freiheit in Deutschland mit einem landesweiten Kopftuchverbot an Schulen gekämpft werden solle. Diese Aussagen zeigen, wem es tatsächlich um die Selbstbestimmung für jede Frau geht, ungeachtet von Herkunft oder Glaubensbekenntnis. Und wer seinen vermeintlichen Feminismus für rassistische Hetze nutzt.
Die Proteste der Frauen im Iran machen nicht nur deutlich, was in ihrem Land, sondern auf der ganzen Welt schiefläuft: die patriarchale Obsession mit Frauenkörpern und der manisch-männliche Drang, Frauen vorzuschreiben, wie sie sich zu kleiden haben. Schon der Gedanke, man müsse muslimische Frauen vom Kopftuch befreien, suggeriert, dass sie unmündige Wesen sind, die nicht imstande sind, für sich selbst einzustehen oder Entscheidungen zu treffen. Kein Staat dieser Welt sollte sich einmischen, mitreden oder mitentscheiden dürfen, wie ein Mensch sich kleiden möchte. Ob Kopftuchzwang oder Kopftuchverbot – beide beschneiden das Selbstbestimmungsrecht der Frau.
Die Forderung nach einem Kopftuchverbot verhöhnt nicht zuletzt die iranischen und kurdischen Frauen. Diese kämpfen nicht – unter Lebensgefahr – für ein Kopftuchverbot, sondern für ihr Recht, nach Jahrzehnten wieder frei über den eigenen Körper verfügen zu können.