Nach dem Tod des 17-jährigen Nahel kommt es in französischen Vororten wieder zu Protesten, insbesondere von Jugendlichen. Sie fühlen sich wie Bürger:innen zweiter Klasse, sagt Rokhaya Diallo. Die Journalistin und Regisseurin gilt als eine der wichtigsten Stimmen des Antirassismus in Frankreich. Ihr Podcast "Kiffe ta race" (etwa: "Liebe deine 'race'"), in dem sie über Diskriminierungsthemen und Identitätsfragen spricht, wurde von vier Millionen Menschen gehört. 

ze.tt: Rokhaya Diallo, wieso kommt es in den französischen Banlieues wieder zu heftigen Ausschreitungen? 

Rokhaya Diallo © Mario Epanya

Rokhaya Diallo: Viele Jugendliche identifizieren sich mit Nahel, sie denken sich: "Das hätten wir sein können." Sie haben jemanden verloren, der ihnen ähnlich ist, so aussieht wie sie. Diese Wut nährt sich aus einer tiefen Hoffnungslosigkeit. Solche Vorfälle gibt es regelmäßig. In den meisten Fällen steht die Aussage der Polizei gegen die der Opfer. Aber der Mord an Nahel wurde von einer Anwohnerin gefilmt. Das Video ist in den sozialen Medien viral gegangen. Es widerlegt die ursprüngliche Version der Polizei, wonach die Polizisten bedroht worden wären. Diese Ungerechtigkeit ist erdrückend.

ze.tt: In den Medien wird oft von émeutes, Unruhen, gesprochen. Was halten Sie von dem Begriff? 

Rokhaya Diallo: Er stört mich, ich benutze ihn nicht. Das ist ein Vokabular, das nur mit einer bestimmten Bevölkerungsgruppe in Verbindung gebracht wird. Man spricht immer nur dann von Unruhen, wenn sie von Menschen aus den Banlieues und Nicht-Weißen ausgehen. Das ist bei anderen Bewegungen, wo es auch zu Zerstörungen kommt, nicht der Fall, beispielsweise bei der Gelbwestenbewegung. Dadurch wird die Bewegung der Jugendlichen in den Banlieues entpolitisiert. Ich spreche lieber von Aufständen oder révolte, das impliziert im Französischen auch eine gewisse Empörung. Martin Luther King sagte schon: "Ausschreitungen sind die Sprache der Ungehörten." Die Jugendlichen fühlen sich ohnmächtig, nicht gehört.

ze.tt: Worum geht es bei diesen Protesten eigentlich?

Rokhaya Diallo: Es ist ein Protest gegen Rassismus und Ungleichheit. Es gibt zahlreiche Französ:innen, die, weil sie nicht weiß sind, strukturell diskriminiert werden. Sei es bei der Job- und Wohnungssuche, in der Politik oder den Medien. Sie haben das Gefühl, dass sie nicht als vollwertige Französ:innen wahrgenommen werden. Ihre Probleme werden nicht ernst- oder überhaupt wahrgenommen. Sie fühlen sich wie Bürger:innen zweiter Klasse. Sie werden regelmäßig schikaniert, auch durch Racial Profiling. Beispiele gibt es ohne Ende. 

ze.tt: Eines davon ist der Fall des Schwarzen Musikproduzenten Michel Zecler, der in seinem Studio von zwei Polizisten krankenhausreif geschlagen wurde. 

Rokhaya Diallo: Auch hier haben die Polizisten erst gelogen, bis die Aufnahmen der Überwachungskamera gezeigt haben, dass er nichts gemacht hatte, dass er von den Tätern bis zu seinem Büro verfolgt wurde. Dort haben sie ihn verprügelt und mit Tränengas eingenebelt. In einem geschlossenen Raum. Es sind nicht nur die Jugendlichen, sondern allgemein nicht weiße Menschen, die Angst vor der Polizei haben. Weil eben solche Vorfälle regelmäßig vorkommen.

ze.tt: In Deutschland und den USA vermuten einige Medien einen französischen George-Floyd-Moment. Wie stehen Sie dazu? 

Rokhaya Diallo: Ich glaube nicht, dass man Nanterre oder Ferguson miteinander vergleichen kann oder soll. Die USA haben ein viel größeres Problem mit Polizeigewalt. Es sind viel mehr Waffen im Umlauf, und die Folgen von Rassismus sind deshalb auch weitaus gravierender. Der Vergleich hinkt. Außerdem gab es in Frankreich in der Vergangenheit mehrere Momente der Ungerechtigkeit, die große Proteste auslösten. Beispielsweise 2005. 

ze.tt: 2005 starben zwei Jugendliche, Zyeb Benna und Bouna Traoré, auf der Flucht vor der Polizei im Vorort Clichy-sous-Bois im Pariser Osten. Auf dem Nachhauseweg vom Bolzplatz liefen sie über eine Baustelle. Ein Anwohner rief die Polizei, er vermutete einen Einbruch. Als der Streifenwagen eintraf, liefen sie weg, aus Angst vor den Beamt:innen. Sie kletterten in ein Umspannwerk und starben dort durch einen Elektroschock. Ihr Tod führte zu landesweiten Protesten, den größten seit Mai 1968.

Rokhaya Diallo: Zyeb und Bouna waren auch noch sehr jung, 15 und 17 Jahre. Seit ihrem Tod ist nichts passiert. Die Polizist:innen wurden freigesprochen. Danach gab es weitere Vorfälle. Der Tod von Lamine Dieng, der 2007 in einem Polizeiwagen so lange auf den Boden gedrückt wurde, bis er erstickte. Erst 2017 wurde die Familie vom französischen Staat entschädigt. Oder Liu Shaoyao, ein Chinese, der vor seiner Familie von der Polizei in seiner Wohnung in Paris erschossen wurde. Das Verfahren wurde eingestellt. 2017 wurde Théodore Luhaka von Polizist:innen schwer misshandelt, doch die Polizeiaufsichtsbehörde hat eine Vergewaltigung nicht anerkannt. 2020 starb Adama Traoré bei einem Polizeieinsatz. 

ze.tt: Immer wieder wird kritisiert, dass auch Jugendliche die Polizei angreifen würden.

Rokhaya Diallo: Das lässt sich nicht vergleichen. Als Polizist:in repräsentiert man den Staat und seine Werte, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Man verpflichtet sich, die Bevölkerung zu schützen. Handlungen und Fehlverhalten der Polizei haben eine größere Tragweite, die über das Individuum hinausgeht. Als Bürger:in ist man kein:e Vertreter:in des Staates. Außerdem sind Polizist:innen bewaffnet. Sie sind geschützt, einige haben Schilder und kugelsichere Westen, sie sind trainiert und im Umgang mit Gewalt geschult. 

Sie denken: ›Das hätten wir sein können.‹
Rokhaya Diallo

ze.tt: In den sozialen Medien gehen Videos von Plünderungen um, auch Autos von Unbeteiligten werden in Brand gesteckt. 

Rokhaya Diallo: Natürlich ist das nicht gut. Aber man kann ein Menschenleben nicht mit materiellen Schäden vergleichen. Und man darf das Narrativ nicht umdrehen, den Fokus der Debatte nicht verschieben. Es gibt Gewalt, weil ein 17-jähriger Junge bei einer Polizeikontrolle getötet wurde. Das ist der Ursprung. Wenn das nicht passiert wäre, würden auch keine Autos brennen. 

ze.tt: Viele stören sich an den Gewaltexzessen, die auch immer wieder Schulen und öffentliche Gebäude treffen. Wieso sind die Proteste so heftig?

Rokhaya Diallo: In der Vergangenheit gab es friedliche Proteste, beispielsweise den Marsch gegen Rassismus und für Gleichberechtigung 1983. Aber an der Situation hat sich seitdem nichts geändert. Im Gegenteil: der Gebrauch der Dienstwaffe wurde Polizist:innen per Gesetz erleichtert. Seit 2017 dürfen Polizist:innen ihre Schusswaffe einsetzen, um Fahrzeuge aufzuhalten, die Dritte gefährden könnten. Die aktuellen Proteste sagen viel über die Spaltung des Landes aus. Ob es jetzt der Fall Nahel ist oder andere Protestbewegungen wie die Gelbwestenbewegung oder die Demos gegen die Rentenreform – die Polizei geht brutal vor, obwohl sie mehrfach von nationalen und internationalen Institutionen dafür verurteilt wurde, auch von den UN. Sie benutzen etwa Hartgummigeschosse … 

ze.tt: … wodurch zwischen 2010 und 2019 71 Menschen schwer verletzt wurden, 48 Menschen teilweise oder ganz ihr Augenlicht verloren haben und zwei Menschen gestorben sind. Durch Tränengasbomben wurde fünf Menschen die Hand abgetrennt. 

Rokhaya Diallo: Das war besonders extrem während der Gelbwestenbewegung. 2.500 Menschen wurden während der Proteste verletzt. Und als die Menschen gegen die Rentenreform auf die Straße gingen, machte die Motorradbrigade BRAV-M durch ihr brutales Vorgehen Schlagzeilen: Ein Polizist wurde dabei gefilmt, wie er einen Mann ins Gesicht schlägt, sein Kopf schlägt auf dem Asphalt auf. Auf einer Audioaufzeichnung hört man, wie ein anderer einem Demonstranten droht, ihm die Beine zu brechen. 

ze.tt: Was muss jetzt passieren? 

Rokhaya Diallo: Was wahrscheinlich passieren wird, ist, dass der Polizist, der Nahel erschossen hat, als Individuum verurteilt wird. Das ist auch richtig so, aber die Institution Polizei mitsamt ihren Methoden wird nicht hinterfragt. Es wird nicht als ein Problem, das in der Polizei verankert ist, betrachtet. Doch Polizeigewalt ist kein individuelles Problem, sondern ein System. Die Politik muss sich dem Rassismus in der Polizei annehmen. Fast zwei Drittel aller Polizist:innen wählen rechtsextrem. Gerade mit Blick auf die letzten sozialen Bewegungen und Proteste muss das Vertrauen zwischen der Polizei und den Menschen, die auf die Straße gehen, wiederhergestellt werden. Das Misstrauen ist so groß, sie vertrauen dem Staat und seinen Institutionen nicht mehr – und gehen deshalb auch nicht mehr wählen. Da hat es der Rechtspopulismus einfach.