Das Blut steigt in den Kopf. Dabei wird es eigentlich viel tiefer gebraucht. Peinlich berührt nimmt der 19-jährige Christian aus Hannover den Plastikbecher von der Krankenschwester entgegen: Den gilt es voll zu machen. Keine Urinprobe etwa – es geht um Samenspende. "Anschließend werden wir unter der Lupe untersuchen, wie viele Spermien es sind und wie sie sich bewegen. Das hat nichts mit Ihrer Potenz zu tun!", erklärt die Laborassistentin das Vorgehen. Der Patient verschwindet in einem Krankenzimmer. Eine Pritsche mit Beistelltisch befindet sich darin, Kleenex-Tücher stehen bereit und – viertklassige Magazine wie Praline oder St. Pauli Nachrichten; keine Pornografie, nur nackte Haut. Den innenarchitektonischen Höhepunkt bildet ein Bild an der Wand: All die nackten Frauen aus der Coupé und den anderen informativen Zeitschriften für Pubertierende wurden fein säuberlich ausgeschnitten und zu einer Collage zusammen geklebt. Man erahnt, mit welchem Spaß die Krankenschwestern hier an der Arbeit waren.

Wie es in dieser Umgebung möglich sein soll, zu onanieren, bleibt Christian ein Rätsel, doch die verordnete Zwangspause von zehn Tagen macht es schließlich doch möglich. Der Becher ist voll – doch damit hat die Prozedur noch nicht ihr Ende gefunden. Jetzt heißt es, den vollen Plastikbehälter durch den Flur zu tragen und im Labor abzugeben. Genauso gut könnte Christian gleich schreien: "Seht her, ich habe mir gerade einen runtergeholt!" Das Blut ist längst wieder zurück im Kopf. Als alles überstanden scheint, kommt schließlich das Ergebnis: Es sind so viele Spermien, dass der geplante zweite Termin gestrichen wird. "Sie sind sehr potent", sagt die Laborassistentin ohne sich darum zu scheren, dass sie vor nicht allzu langer Zeit noch jeden Zusammenhang zwischen Sperma und Potenz geleugnet hat.

Christian hat die Samenspende abgegeben, weil er an Lymphdrüsenkrebs leidet. Die Chemotherapie, die ihn jetzt erwartet, wird nicht nur seine Krebszellen zerstören. Als Nebenwirkung droht ihm auch die Unfruchtbarkeit, weshalb ihm sein Arzt geraten hat, seinen intakten Samen vor der Behandlung einfrieren zu lassen. Christian würden bei überstandener Krankheit noch fünf Versuche einer künstlichen Befruchtung bleiben, falls seine Spermienproduktion durch die starken Medikamente zu sehr beeinträchtigt sein sollte.

Fünf Jahre lang wird der Samen in der Hautklinik gelagert. Die Kosten von 500 Euro übernimmt nicht etwa die Krankenkasse, sondern müssen von Christians Eltern aufgebracht werden. Dies bedauert Dr. Markus Friedrich von der Charité in Berlin sehr. Denn gerade junge Tumorpatienten hätten oft nicht das Geld und würden so um ihre Zukunft gebracht. Und diese stellen eine von zwei Gruppen der Samenspender. Die andere sind Männer mit Kinderwunsch, bei denen es auf natürlichem Wege nicht klappt. Sollte die Ursache in seiner Unfruchtbarkeit liegen, haben solche Paare nur noch die Möglichkeit ein Kind zu adoptieren oder auf Fremdspender zurückzugreifen. Fremdspender sind meist junge Männer zwischen 20 und 30 Jahren, die ihr Sperma an privatwirtschaftliche Samenbanken verkaufen. "Für einen Studenten ist das ja leicht verdientes Geld", sagt Dr. Friedrich.

Einer von ihnen ist der Medizinstudent Philipp. Bei der Jobsuche stolperte er über eine Kleinanzeige in einem Stadtmagazin: "Samenbank Berlin sucht seriöse Samenspender für medizinische Zwecke gegen Entgelt." Sein erster Gedanke war: "Wenn ich jedes Mal fürs Wichsen 25 Euro bekomme, werde ich reich!" Das wäre der Preis, den er bekäme. Nach sechs erfolgreichen Spenden und bestandenen Gesundheitschecks bekäme er noch einmal weitere 300 Euro, also insgesamt 450 Euro. Ein guter Nebenverdienst. Philipp begibt sich auch zu einem Beratungsgespräch. Die Praxis vermittelt nicht den Eindruck, dass sie für Kassenpatienten gebaut wurde. Ein bisschen soll sie wirken wie ein Hotel; die Spenderzimmer sind hier liebevoller eingerichtet als in der Hautklinik und bieten ein Sofa und einen Fernseher mit Videorekorder. Durch eine Durchreiche gelangt die Probe in das Labor, wo sie untersucht wird.