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Vor 54 Jahren trafen sich in Brüssel zwei geniale Künstler: René Goscinny und Albert Uderzo. Goscinny war in Buenos Aires aufgewachsen. Er arbeitete als Buchhalter, wanderte dann in die USA aus. Sein Hobby war das Zeichnen. Er arbeitete als Journalist und gab das Zeichnen irgendwann auf. Stattdessen schrieb er lustige Geschichten, die in Zeitungen, Büchern oder als Comic erschienen. Später erfand er auch einige Geschichten für die Figur "Lucky Luke" seines Freundes Morris. 1951 begegnete er Uderzo. Der zeichnete seit seiner Jugend. Sein großer Bruder brachte ihn davon ab, Mechaniker zu werden und ermutigte ihn, sein Zeichentalent zu schulen. Seine Comics wurden in Zeitungen abgedruckt.

Die Zusammenarbeit der beiden war genial. Goscinny schrieb grandiose Geschichten, die Uderzo aufzeichnete. Gegenseitig inspirierten sie sich. Uderzo schrieb mit an den Geschichten und Goscinny, der ja selbst einmal gezeichnet hatte, beriet Uderzo dabei. 1959 schufen beide das Comicmagazin Pilot . Für das Journal erfanden sie den kleinen Helden Asterix. Sieben Jahre später erschien "Asterix, der Gallier" als eigenständiges Heft. Seitdem gab es 24 Bände, bei deren Geschichten stets von Goscinny stammten. Dann starb der Texter.

Bis dahin hatte sich Asterix zu einer ganz eigenen Heldenfigur entwickelt: Klein und unscheinbar war er immer der Schlaueste und Listigste aus seinem Dorf. Immer Respektvoll, selten wirklich böse. Neuen Moden misstraut er – und rettet damit auch schon einmal sein kleines Dorf (siehe etwa "Asterix und die Trabantenstadt"). Den Zaubertrank setzt er, bis auf wenige Ausnahmen, nur gegen Römer und Wildschweine ein, an den Raufereien des Dorfpöbels beteiligt er sich nicht. Ebenso wie sein genügsamer Freund Obelix, der sich gerne seiner Arbeit und seinem kleinen Hund widmet. Er ist nicht der klügste, aber treu und ehrlich. Und manchmal dickköpfig: In "Asterix in Spanien" setzt er seinen Willen durch, indem er die Luft anhält – eine Unsitte, die er sich bei einem kleinen Jungen abgeguckt hat.

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Wo ist dieser Asterix im neuen Heft? Wo ist Obelix? Was sich hinter ihren wie immer gut gezeichneten Figuren befindet, hat wenig mit den alten Helden zu tun. Obelix, auf seine Figur angesprochen, hatte doch eigentlich immer beleidigt reagiert oder fühlte sich nicht gemeint. Nun wird er für den gleichen Satz aggressiv. Ebenso Asterix: Ein Unbekannter sagt: "Offenbar ist Eure Zivilisation längst nicht so weit entwickelt wie unsere." Der sonst so intelligente und bescheidene Asterix beschimpft und würgt den Fremden. Einst waren Asterix und Obelix ein tragfähiger Gegenentwurf zu den großschnäuzigen Helden im Schatten Supermans.

Die andere Zivilisation, von der die Rede ist, ist die von einem anderen Stern. Im Neuen Band "Gallien in Gefahr" reisen nicht die Gallier in ein anderes Land, sondern sie bekommen Besuch aus dem All. Denn die Außerirdischen haben vom Zaubertrank gehört, den sie nun im interstellaren Krieg einsetzen wollen. Ihre Ankunft kündigt sich dadurch an, dass plötzlich fast alle Dorfbewohner erstarren – was dann aber mit dem Rest der Geschichte nichts mehr zu tun hat, sondern ein Versehen des süßen kleinen Alien ist: "Natürlich! Bin ich dumm! Ich hab total vergessen, das Antikollosionsmagnetfeld abzustellen." In dem Stil wurstelt sich die Geschichte durch das Heft, völlig unberechenbar, teilweise unfreiwillig komisch, gespickt mit Wortwitzen der flachsten Kategorie: "Wenn der mir meine Keiler klauen will, setzt es Keile" (Obelix). Die Außerirdischen sind teilweise absurd, teilweise klischeehaft dargestellt. Das "gute" Wesen in der Geschichte ist im Stile von Mickey-Mouse gezeichnet. Der Stern, von dem es kommt, heißt Tadsylwine – ein Annagramm zu Walt Disney. Ob er sich gefreut hätte über die Plattitüden, die ihm gewidmet sind?

Was bleibt als Fazit? Ein 78 Jahre alter Zeichner sollte seine Kunst nicht für eine drittklassige Geschichte mit merkwürdigen Science-Fiction-Elementen hergeben – auch nicht, wenn es seine eigene ist.