Irgendwann war er einfach da, der Rock 'n' Roll. In einer seiner vielen Gestalten. Die Gestalt, die Krischan Lehmann zu Gesicht bekam, hieß „Appetite For Destruction“ – jenes Guns-N'-Roses-Album, Mitte der Achtziger. Jahre später dann, während eines Auslandsemesters in England, stellte sich der in München lebende Songwriter die Frage, wo er denn hin sei, der Rock 'n' Roll. Die Aufmüpfigkeit, die Rebellion? Das war 1997, Krischan kaufte sich eine Gitarre und begann, eigene Lieder zu schreiben. „Der ganze Rotz musste raus. Und einige Lieder mehr. Ich hab dann in mein Tagebuch geschrieben: ‚Daraus machst Du eine CD! Wenn nicht, werde Lehrer und unglücklich.’“ Heute nennt er sich schlicht und einfach Lehmann und hat mit „Jung“ sein viertes Album veröffentlicht, das er nach dem Solidaritätsprinzip über seine Website anbietet: Wer mit ihm in Kontakt tritt, bekommt einen Link, der ihn zur Musik führt. Gezahlt wird dann anschließend, was es dem- oder derjenigen wert ist. Die meisten Leute zahlen durchschnittliche Ladenpreise. Was ihn ehre, wie er zugibt.

Lehmann macht Songwritermusik mit deutschen Texten, weitab von den bloßen Befindlichkeitsphrasen der Bewohner des Grand Hotels Van Cleef, jener Hamburger Indie-Institution, in der sich Tomte, Kettcar und der Hund Marie die Klinke in die Hand geben. Nein, Lehmann hat sich daran erinnert, dass es die Aufgabe von Künstlern ist, das alles nicht nur so hinzunehmen: „Für mich muss Kunst durcheinanderbringen, bewegen, rühren, verstören, umkrempeln usw. und – in welcher Form auch immer – politisch sein, also den Anspruch haben, zum Gemein(un)wohl beizutragen. Es ist ein Privileg des Künstlers, ordentlich vom Leder zu ziehen.“ Von diesem Privileg macht er Gebrauch, schmeißt „Bimssteine auf die Bourgeoisie“, bemerkt: „Dieses Land ist doch der Arsch der Welt / Ich seh' schwarz und rot und Geld.“ Der schulterzuckende Fatalismus seines Namensvetters, der Romanfigur von Sven Regener, ist ihm also fremd – obgleich er eingesteht, dass allzu feste Positionen und Parolen ihn gleichsam abschrecken. Eine Art distanziertes Semi-Dagegen. „Ich will den Zeitpunkt, an dem man von einem explorativen Modus in einen konservativen wechselt, möglichst lange hinauszögern“, gibt Lehmann zu Protokoll. „Eine feste, klare Position hilft im Alltag sicher, zeigt aber eben auch, dass man nicht mehr beweglich ist. Und ein alter Sack. Da bleibe ich lieber das ewige, wankelmütige Kind. Und auf Distanz.“ Er sei hoffnungsloser Optimist, sagt er. Irgendwann wird das alles vielleicht schon werden, wir dürfen nur nicht einschlafen und leise werden.

Lehmann schläft nicht, im Gegenteil. Aus dem Ein-Mann-Projekt wurde langsam aber sicher eine Band: Neben ihm selbst sind seit einiger Zeit noch der Gitarrist Eike Jung, Jan Proske (auch Gitarre) und der Bassist James Lindemann dabei. „Im Grunde meines Herzens bin ich ein Rock 'n' Roller und würde gerne ziemlich auf die Pauke hauen. Leider ist meine Stimme nicht dafür gemacht, gegen eine massive Wand aus verzerrten Gitarren anzusingen. Außerdem soll man ja die Texte verstehen. Deswegen haben wir uns jetzt auf eine Unplugged-Besetzung geeinigt: zwei Gitarren, Bass, Stimme – und mit etwas Glück noch Percussions. Das klingt besser als eine Gitarre allein, und ich kann ein bisschen Verantwortung abwälzen. Wenn’s scheiße war, war’s der Bassist.“ Die klassische Rollenverteilung einer Rockband scheint er jedenfalls verinnerlicht zu haben. Da war er also wieder, der Rock 'n' Roll. Er scheint gar nicht so lange weg gewesen zu sein, seit damals, 1997 in England. Abschließende Worte? „’Chinese Democracy’ darf nicht erscheinen.“ W. Axl Rose sollte auf den Mann hören.

HP: www.randalaise.de
Mail: randalaise@arcor.de