Cash war ein Mann der Gegensätze und ein wandelndes Paradoxon: Er fungierte als eine Art polarisierende Integrationsfigur. „Walk the Line“ zeigt das deutlich, auch wenn sich der Film hauptsächlich mit Cashs Aufstieg und dessen Liebe zu seiner späteren Frau June Carter Cash beschäftigt und Cashs sozialpolitisches Engagement nur anschneidet. Obwohl er – trotz seines eigenständigen „Train“-Sounds – der traditionellen Country-Szene zugeschrieben wurde, setzte sich Cash in den 60ern für moderne Werte ein. Nashville war als Geburtsstätte des Country auch die „Gürtelschnalle des Bible Belt“, dem konservativsten Teil Amerikas. Cash wurde allerdings der sogenannten „Outlaw Country“-Szene zugeschrieben, den Rebellen der Countrymusik.

Folsom, Kalifornien. Die Insassen des örtlichen Gefängnisses haben andere Sorgen als Musik. Doch einen Song kennen sie alle: den „Folsom Prison Blues“. Cash hat eine Knasthymne geschrieben, die ihm Fanpost aus allen Knästen des Landes einbringt. Schließlich entschließt er sich zu einem Konzert im Hochsicherheitsgefängnis Folsom. Dort hält er zu Beginn seines Konzerts eine mitreißende Rede über das verschmutzte Wasser im Gefängnis und wirft demonstrativ ein Glas der bräunlichen Brühe auf den Boden. Das Glas zersplittert, die Inhaftierten grölen, der Saal kocht. Wird es einen Aufstand geben? Werden die Gefangenen meutern? Doch es passiert nichts: Cash stimmt den „Folsom Prison Blues“ an.

Die Knastbrüder fühlten sich von Cash verstanden – obwohl der Zeit seines Lebens nur einen Tag lang im Gefängnis gesessen hat: Er wurde verurteilt, weil er unbefugt ein Grundstück betreten hatte. Andere Straftaten wie Amphetaminschmuggel wurden mit einer Bewährungsstrafe geahndet. Die Authentizität seiner Songs kam – wie der Philosoph Gilles Deleuze sagen würde – daher, dass er in den entsprechenden Situationen nicht nur zum Fürsprecher der Gefängnisinsassen, sondern einer von ihnen wurde.

Dieses und seine darauf folgenden Konzerte in diversen Gefängniseinrichtungen reflektierten den rebellischen Geist der Zeit: Die 60er waren geprägt von Protesten gegen den Vietnamkrieg und dem immer größer werdenden Ruf nach sozialen Reformen. Doch war die damalige Gesellschaft noch nicht bereit für die von der entstehenden Hippie-Jugend geforderten Reformen: Noch immer propagierten die damaligen Medien die klinisch saubere Version der amerikanischen Durchschnittsfamilie. Währenddessen setzte Cash sich mit Themen auseinander, die inoffiziell als Tabuthemen angesehen wurden. Er spielte nicht einfach nur Konzerte: Mit seinen Gefängnisauftritten trat er für bessere Haftvoraussetzungen ein, als erste Person des öffentlichen Lebens machte er auf die unmenschlichen Bedingungen in Indianerreservaten aufmerksam und er zeigte dem ignoranten Nashville-Establishment auf einer eigens dafür gemieteten Magazinseite den Mittelfinger. „Ihr könnt mich abstempeln, mich in eine Schublade stecken – mich ersticken, aber es wird nicht funktionieren“, legte Cash sich damals mit Leuten an, die ihm Populismus vorwarfen. Auch dass er in späteren Jahren immer Schwarz trug, war für den Sänger eine Art Widerstand: „Es ist immer noch mein Zeichen der Rebellion gegen einen stagnierenden Status Quo, gegen unsere heuchlerischen Gotteshäuser, gegen die Leute, die nicht offen für die Ideen anderer sind“, erklärte Cash einst das Phänomen des „Man in Blacks“.

Doch auch wenn Cashs soziales Engagement und seine Rebellion gegen den gesellschaftlichen Codex der Country-Szene der 60er in „Walk the Line“ eben nicht mehr angeschnitten wird, als es eben in einem Hollywood-Film möglich ist, so werden doch sein rebellischer Charakter und seine Vielschichtigkeit zumindest impliziert. In den 132 Minuten des Filmes wird Cash als der dunkle widerspenstige Rebell dargestellt, der er eben war. Und abgesehen davon erzählt „Walk the Line“ ganz einfach eine der schönsten Liebesgeschichten der damaligen Zeit.