Vielleicht habe ich die falsche Einstellung, aber ich kann nicht aus meiner Haut: wenn ich ein Buch schmökere, will ich nicht bloß verbale Berieselung. Ich will mich nicht nur ein bisschen entertainen lassen, irgendwie, von irgendwem. Ich will immer berührt werden. In eine Geschichte sinken, die Seele atmet, ich will ihre Sätze mit den Augen abtasten und fündig werden auf der Suche nach einem Eingang, der hinter ihre Worte führt, deren Bilderwelt begehbar macht. Sowas können nur Herzbücher: Romane, die man absichtlich langsam liest, damit sie nicht so schnell aufhören. Und dann tun sie es doch irgendwann.

Wie der Abschied von einer großen Liebe

Auf das Lesehoch folgt immer der Absturz ins Leseloch, der umso tiefer ausfällt, wenn es erst mal keine weiteren Werke mehr gibt von dem jeweiligen Autoren. Ein Herzbuch auszulesen, ist wie der Abschied von einer großen Liebe. Alles, was unmittelbar danach folgt, kann nur ein fauler Kompromiss sein. Fehlkäufe sind vorprogrammiert. Das ist der Preis für das Prickeln – insofern sind Herzbücher eine zweischneidige Sache. Ich überlege, ob es mir besser bekäme, mich so einer Liaison mit Literatur erst gar nicht hinzugeben. Aber das wäre Augenwischerei. Dann hätte ich zum Beispiel nie die gedankliche Begegnung mit der österreichischen Autorin Elfriede Hammerl gemacht, ihr letztes großartiges Buch, das ich kürzlich erst auslas: Noch Tage, nachdem ich es endgültig zur Seite legen musste, grübelte ich über die von ihr erdachten Figuren nach, ertappte mich bei dem Gedanken daran, was die wohl jetzt alle gerade so machen, als würde die Geschichte irgendwo weitergehen.

Dabei hatte der Roman einen völlig banalen Titel, "Mausi oder das Leben ist ungerecht": Bestimmt eines dieser typischen Bücher über eine Frau Mitte 20, die in der Medienbranche arbeitet und gerade eine Krise hat (mit Männern), geschrieben von einer Frau Anfang 30, die in der Medienbranche arbeitet und gerade eine Krise hat (mit allem). So dachte ich abfällig, als ich die Autorin noch nicht kannte. Aber wie man sich doch täuschen kann in Titeln. Elfriede Hammerl ist zwar wirklich Journalistin, aber auf einem hohen Niveau frustriert, bissig, lustig, mit einer Sprache zum Löffeln. Anders als bei so mancher Schreiberin der Sorte "freche Frauen", denen oftmals ein verzweifelter Wille zum Witzigsein anzumerken ist; unorganische Geschichten mit spürbar unechten Dialoge zu lesen, ist wie die Unterhaltung mit einem Fassadenmenschen: Typen, die nicht authentisch sind, aus deren Mund nur Plastikblumen kommen.

Ich schmeiße eine Prosapannen-Party!