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Ich habe die Existenz von Düsseldorf immer geleugnet. Zugegeben, ich lag falsch, und sogar schön war’s. Nicht unbedingt wegen Düsseldorf. Wer kann schon mit Düsseldorf nur ein Freundschaftsgefühl verbinden, sonst nichts? Nur ein paar Stunden in der Früh dort verbracht, aber die Erinnerung an das wichtige Gespräch bleibt. Das gleiche gilt für Toulouse, aber die Erinnerung schmeckt ganz anders. Der Kebabverkäufer hat uns dort den Islam erklärt.

Ich seh mich noch in der nordfranzösischen Muschelbank sinnieren. Einer aus der Gruppe schwimmt immer gerade noch dem Sonnenuntergang entgegen, wenn das letzte Schiff fährt. Im Vorort von Neapel spontan vermählt, solange man nur am nächsten Tag weiterzieht. Die Stimmung ist nicht die beste, wenn man sich in der toskanischen Bucht eine Notunterkunft gegen den am Horizont aufziehenden Wirbelsturm zusammenbastelt. Eher auf einem existenziellen Tief. Tief ist auch der Eindruck, der aus dem Fluchtversuch im Sturm bleibt.
In den Städten kommt man überhaupt nicht voran. Den ganzen Tag am Bahnhof, keine Entscheidung. Jede zufällig gesichtete Sehenswürdigkeit wird mindestens mit einem sarkastischen Kommentar gewürdigt. In Mont St. Michel war der Alkohol die einzige Freude. Man verweilt im spanischen Cholera, nur des Namens wegen.

Jedem Ort an dem man vorbeifährt gibt man seine eigene Interpretation, seine eigene Farbe. Wir haben überall unseren Abdruck hinterlassen. Einfach nur dadurch, dass wir der Stelle unser Leben eingehaucht haben. Auch wenn wir das gar nicht wollten, sondern uns gerade mit irgendwelchen Kleinigkeiten rumgeschlagen haben. Wir waren halt grad dort. An die kleinsten Details sind Bilder und Emotionen gekettet. Diesen Effekt bemerkt man natürlich erst im Nachhinein.

Nicht immer verbringt man erholsame Nächte. Im süditalienischen Tropea zum Beispiel wird man nicht ungern noch vor acht Uhr von badenden Familien vom Strand verscheucht, während einen an der spanischen Costa Brava zwischen Luxushotels die Strandwalze die ganze Nacht lärmend umkreist. Oder der einsetzende Regen um fünf in der Früh. Alle ins Zelt mit Gepäck, intimer gehts nicht. Beim Aufstehen: wieder die gleichen Gesichter, der Gedanke an den gestrigen Streit kommt als erster zurück, die Geister streiten sich über den rechtmäßigen Eigentümer des Isomattengummis. Und dann sind plötzlich wieder alle glücklich, nur weil’s was zu essen gibt!

Dreck und Unbequemlichkeit? Es gibt nur eine Art, auch das dem wohlgesinnten Ambiente unterzuordnen: Freunde und Ideen, geteilte Ideen. Wer das konsequent durchzieht, dem kann eigentlich nichts passieren was nicht entweder auf Anhieb oder im Nachhinein Spaß macht. Vielleicht entwickelt sich sogar ein gewisser Dreckfetischismus, dann ergeben sich die lustigen Situationen ganz von selbst. Interrail erhöht die Toleranzgrenzen, auch nachhaltig.

Improvisationskunst ist überhaupt gefragt. Prinzipiell gilt: Wer wagt, gewinnt. Bei der Schlafplatzsuche muss man immer noch eine Düne weiter gehen. Wer eine katholische Jugendherberge einem Sternenhimmel vorzieht, der hat’s noch nicht kapiert. Beim Kochen trotzdem nur die besten Zutaten nehmen. An den beliebigsten und abgelegensten Orten vom Zug springen. Pragmatische Fragen nicht zuletzt zur Belustigung Einheimischer stellen. Den obligatorischen Aufenthalt in Amsterdam kurz halten. Denn die spontansten Entscheidungen haben meistens den größten Effekt.

Das Schönste ist der Szenenwechsel. Nicht nur landschaftlich. Ein bisschen verändert sich auch immer der zwischenmenschliche Kontext. Und in der kollektiven Euphorie einer Sonnenuntergangsszene bricht sowieso jegliche Rivalität. Man erwischt sich selbst dabei, das ist der Punkt. Kann sein, dass man sich nachher wieder über den gleichen Blödsinn streitet. Aber für einen Moment kriegt man eine Ahnung, wie man mit sich selbst umgehen kann.