Herr Veiel, mit welchem Gefühl sind Sie das erste Mal nach Potzlow, den Ort des Verbrechens, gefahren?

Mit einer Art Generalverdacht dem Dorf gegenüber. Ich hatte erfahren, dass in der Mordnacht drei erwachsene Zeugen anwesend waren und nicht eingeschritten sind. Ich hatte das Gefühl, es geht nicht nur um die Tat allein, sondern es gibt da eine Form des Mitwissens, Verschweigens, eine Grauzone der stillen Duldung. Genährt wurde dieser Verdacht durch meine erste Begegnung mit dem Dorfpfarrer, der sagte: „Bleiben Sie in Berlin, wir wollen Sie hier nicht, wir haben genug Schlechtes mit den Medien erlebt.“

Wie haben Sie die Menschen dazu gebracht, doch mit Ihnen zu reden?

Ich habe schließlich festgestellt, dass auf diesem Dorf so ein Mediendruck lastete, dass die Bewohner gar nicht anders konnten als zu sagen: „Wir reden nicht mehr.“ Da kamen Journalisten für einen Tag, gingen in den „Dorfkrug“, stellen vielleicht provozierende Fragen bekamen nicht die Antworten, die sie erwarteten und schrieben dann: Hier gibt es keine Bereitschaft, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen. Aber durch die Länge unserer Recherche und die Möglichkeit, immer wieder zu kommen, und das Gehörte nicht gleich verwerten zu müssen, haben wir schließlich das Vertrauen aufgebaut. Die ersten Male durften wir noch nicht einmal mitschreiben. Irgendwann durften wir dann Notizen machen und beim dritten, vierten oder fünften Mal auch ein Tonband aufstellen.

Mit wem ist es Ihnen am schwersten gefallen, zu sprechen?