„Küssen tut man nicht auf Bestellung!“ Die Ausrede zieht nicht. Das sechsjährige Mädchen muss ihrem Vater trotzdem einen Kuss geben. Doch dem geht es nicht um eine Geste der Zuneigung – er will dem Atem der Tochter riechen. „Hast du Fleisch gegessen?“, fragt er. Der Vater ist militanter Vegetarier und das kleine Mädchen – mittlerweile eine alte Frau erzählt seine Geschichte: „Er gab keine Backpfeifen, er zählte eins, zwei drei… Mit heißem Wasser hat der mich begossen! Unser Boiler hatte 85 Grad.“ Sie erzählt es, während sie sich ihr Leibgericht zubereitet: Leber! Ihr Enkel steht daneben und filmt.

Der Enkel, der sie beim Kochen filmt, ist Micha Petrowitz. Den Kurzfilm, der daraus entstand, reichte er beim „Berlinale Talent Campus“ ein. „I love liver“ passte genau in das Konzept der Nachwuchsveranstaltung. „Films on hunger, food and taste“ war der Titel des Treffens, das zum vierten Mal parallel zu den Filmfestspielen in Berlin stattfand.

Der Berlinale Talent Campus setzt sich zum Ziel, internationale noch unbekannte Talente zu fördern. Während nebenan am Potsdamer Platz etablierte Filmemacher ihre Werke zur Schau stellen, aber auch Erstlingswerke im Forum des jungen Films gezeigt werden, setzt der Talent Campus noch früher an. Dabei ist es nicht das Ziel, die Filme zu vermarkten, sondern die jungen Künstler zusammenzubringen. Die meisten Bewerber kommen aus Großbritannien. Die Sprache der Veranstaltung ist Englisch.

Die Workshops und Vorlesungen sind mehr oder weniger ein Rahmenprogramm. Die jungen Filmemacher nutzen die Gelegenheit vor allem dazu, Gleichgesinnte zu treffen und mit ihnen Erfahrungen auszutauschen. Das ist von den Organisatoren durchaus gewollt: Bei einem Kennenlernspiel wie man es von Jugendreisen kennt, sollten sich konnten sich die cirka 500 Teilnehmer beschnuppern.

„Ich habe in den ersten zwei Tagen wahnsinnig viele Leute kennen gelernt, die absolut filmbegeistert sind“, sagt Micha. Und davon lebt für ihn diese Veranstaltung. Michas persönliche Motivation war, die Begeisterung für das Filmemachen wieder aufzufrischen. Nachdem er sein Jurastudium abgebrochen hatte, studierte er Drehbuch an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) und verdient sich seit Ende der Ausbildung mit dieser Tätigkeit seinen Lebensunterhalt. „Ich habe gemerkt, dass ich nach der Uni wieder mehr Input brauchte – nicht nur Drehbücher schreiben, sondern selber die Kamera in die Hand nehmen und Ideen umsetzen. Ich wollte alles Mal selber machen und nichts abgeben. Beim Drehbuch bist du eingeschränkt. Wenn man immer das Gleiche macht, verliert man die Begeisterung“, erklärt Micha.