„Wir versuchen das jetzt, los!“, zischelt mir Nane ins Ohr. Ich nicke, schlucke, schiebe mich zwischen die Leute. Es ist Sonntagabend, meine Freundin Nane und ich sind bei der Eröffnung einer Ausstellung in Düsseldorf: „Die Retrospektive Vivienne Westwood“. Und die britische Mode-Ikone ist hier! Höchstpersönlich! Soeben eingetroffen! Gleich da vorne steht Vivienne Westwood und räkelt sich im Blitzlichtgewitter der fotografierenden Fans. Und ich habe ein Drängeln, ein Fieber, ein Füßchenstampfen in der Brust: auch haben wollen! Ich will auch ein Autogramm! Kleinkindgefühle machen Spaß.

Dabei finde ich Autogrammjagen eigentlich doof. Genau genommen habe ich das bis jetzt nur ein einziges Mal gemacht: Vor vielen, vielen Jahren, als ich noch ganz jung war und mit meinen Eltern bei den Karl-May-Festspielen in Bad Segeberg. Ich weiß noch, wie ich so durch die Zuschauerreihen spähte, meinen Vater aufgeregt am Ärmel zupfte: „Papa, guck mal, da vorn sitzt Theo Waigel!“ Und tatsächlich: Einige Reihen vor uns lehnte der Politiker mit übereinander geschlagenen Beinen in der Bank. Nicht dass ich jetzt Fan von Theo Waigel war. Trotzdem wollte ich ein Autogramm, wie man das halt als kleines Mädchen so will, wenn plötzlich ein Promi in der Nähe ist. Ich lief die Treppe hinab und tippte Theo von hinten auf die Schulter, „Hallo, hätten Sie mal ein Autogramm für mich?“ Herr Waigel drehte leicht den Kopf, hob die buschigen Brauen, verzog ansonsten keine Miene. Schob seine Hand unter den Kragen seines Jacketts und sah für einen Moment aus wie Napoleon.

Träume halten das Herzblut warm

Sekunden später fischte Herr Waigel bereits vorbereitete Autogrammkarten aus seiner Jackentasche und gab mir eine. Etwas enttäuscht zog ich davon, so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Ich wollte doch was Persönliches. Ein frisch geschriebenes „von Theo für Almut“. Das läuft jetzt aber hoffentlich nicht so ab wie damals, denke ich, während ich mich gerade durchkämpfe zu Miss Westwood. Aber ich muss mir keine Sorgen machen. Die schrill-schräge Designerin hat keine präparierten Autogrammkarten dabei. Unberührt wirkt sie, vom Hype hier völlig unbeeindruckt. Sie sieht aus, wie eine, die schon hinter jedes Geheimnis gekommen ist.

Ich überlege, ob ich gerne wäre wie sie, eine Frau, die es seit 33 Jahren nicht anders kennt, als bewundert zu werden. Früher, als kleines Mädchen, das mit Theos Unterschrift auf dem Pausenhof protzte, habe ich immer alle beneidet, die berühmt waren. Bei berühmten Menschen, so dachte ich damals, sind alle Träume in Erfüllung gegangen und deshalb müssen sie glücklich sein. Aber ich bin beileibe keine, die schon hinter jedes Geheimnis gekommen wäre. Vielleicht würde ich das auch gar nicht wollen.