Als Europäer könnte einem bei den ersten Szenen des Filmes Tsotsi durchaus das Popcorn im Hals stecken bleiben. Doch für die Menschen in Südafrika ist es weder schockierend, noch in irgendeiner Form überraschend, wenn auf der Leinwand eine junge Gang im Zugabteil einen Mann niedersticht und dessen Hosentaschen entleert. Es ist das Bild der Kinder aus den armen Gebieten des Townships Soweto, eine abseits der aufstrebenden Gesellschaft lebenden Minderheit, die vom Wohlstand des Landes gefürchtet wird. Für viele Weiße ist es das Geschwür der Metropole Johannesburg. Kliptown, wo Südafrikas erster Oscarprämierter Film gedreht wurde, ist eines der ältesten Armutsviertel innerhalb des Townships, entstanden in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts. Soweto bedeutet „South-Western-Township“ , und entstand ursprünglich aus drei kleineren Townships. So sagen es die Geschichtsbücher. Es gibt auch andere Anekdoten dazu: „Soweto wurde 1936 von einem der Bewohner erfunden“, behauptet Lebo, der Besitzer des einzigen Backpacker-Hostels im Township. „Weil sie in der Apartheid nicht richtig wussten, wohin sie die Schwarzen umsiedeln sollten, nannte es einer Soweto – So where to? “ © tsotsi.com BILD

Townships lassen sich am Rande aller großen Städte Südafrikas finden. Die Städte selbst entstanden auf dem Reißbrett, drum herum wuchert die Armut. Sie sind die Überbleibsel der Jahrhunderte alten Rassendiskriminierung. „ Blacks “ und „ Coloured “ wurden von den weißen Eroberern in Slums abgeschoben, um sie möglichst fern vom zivilen Leben zu halten. Bis heute hat sich an den Lebensumständen der Bewohner nicht viel geändert: In vielen Teilen der Townships wie Kliptown gibt es weder Strom noch fließendes Wasser. Im Zentrum wurde ein Loch in den Boden gegraben und eine Mauer drum herum gebaut. Das ist die Toilette, die sich die Bewohner des Viertels teilen müssen.

Erste und dritte Welt prallen aufeinander

Nach dem Ende der Apartheid in den 1970er Jahren bildeten sich Schichten heraus, die sich nicht länger an den Hautfarben orientieren. Aber wer Geld hat, besitzt Macht, wer keines hat wird sie nur schwer bekommen.

Das ist das Thema des Gangsterdramas Tsotsi . Der britische Regisseur Gavin Hood richtet seine Linse auf die arme Bevölkerung. Das viel gelobte Nachwuchstalent Presley Chweneyagae schlüpft in die Rolle des 19-jährigen Kriminellen David, der in einem Kosmos lebt, in dem Liebe, Bedürfnisse und Ängste Tabu-Themen sind. In dieser Welt, kämpft jeder um sein Überleben; Gewalt und Tod sind überall präsent. Die erste Welt fürchtet sich vor der dritten. Man könnte denken, dass Hood übertreibt und versucht alle widrigen Lebensumstände in einem einzigen Film und in einer Person zu vereinen. Doch die Berichte in den lokalen Zeitungen geben ihm Recht.

Für viele der Township-Kinder ist die einzige Perspektive der Weg in die Kriminalität. Sie nehmen sich erfolgreiche Kriminelle in schicken Autos und ebensolchen Frauen als Vorbild - wie den Autoschieber Fela Ndlovu, der im Film von Zola gespielt wird. Zola ist einer der erfolgreichsten Kwaito-Musiker Südafrikas, einer Hip-Hop-ähnlichen Musik, die aus den Townships kommt. Zola stellt den Großteil des Soundtracks für den Film, der schon jetzt in fast allen Plattenläden ausverkauft ist.

Die Karriere eines Gangsters