Geliebter Radiosender,

Nun bin ich schon zwei Wochen unterwegs und ich vermisse Dich jeden Tag ein bisschen mehr. Ich muss zugeben, dass ich anfangs versucht habe, Ersatz für Dich zu finden. Bevor Du jetzt eifersüchtig wirst, kann ich Dich beruhigen: Es hat nicht funktioniert. Ich habe mich von Eddie und Frankys Morgenshow wecken lassen und mich nach der wohligen Umarmung Deiner Sonntagmorgen-Lieder gesehnt. Ich habe Indras quakende Kommentare zu den neuesten Hitparadenknallern über mich ergehen lassen und an die cleveren Kommentare der Moderatoren meines Vertrauens gedacht. Ich habe mich durch die größten Hits der 90er gekämpft und mir Deine Indiepop-Charts herbeigewünscht. Unsere unfreiwillige Trennung auf Zeit hat mir schmerzlich bewusst gemacht, wie sehr ich mich an Dich gewöhnt habe. Dabei sind wir noch gar nicht so lange zusammen.

Wie viele große Liebesgeschichten fing ja auch unsere mit Hindernissen an. Ich hatte Dich jahrelang ignoriert, und zahlreiche Verkupplungsaktionen wohlmeinender Freunde verliefen ohne Erfolg. Schließlich wurdest Du geschaffen, um meinen damaligen Lieblingssender zu ersetzen, und ich habe Dich gehasst, bevor Du eine einzige Minute on air warst. Ich habe mich über den Verlust Deines Vorgängers mit kurzen Affären getröstet, die mir meist schnell langweilig wurden.

Dann habe ich beschlossen, Dir eine Chance zu geben. Und Du wusstest, wie Du mich rumkriegen konntest. Statt der gewohnten hektisch-hysterischen Ansageclowns, mit denen ich mich auch in den letzten Wochen wieder begnügen musste, hattest Du sanfte und wohlklingende Stimmen, denen es gelang, die richtige Stimmung in mein Wohnzimmer zu schicken. Endlich keine penetranten Jingles mehr, stattdessen enthusiastisch begeisterte Ankündigungen von krachenden Gitarrenstücken, verträumte Worte zu langsamen Klavierballaden, spannende Geschichten von Musik und vom Leben, ach, alles war so, wie es sein sollte. Und ist es bis heute. Und dafür liebe ich Dich.

Man sagt so etwas ja viel zu selten. Daher muss ich es einmal aussprechen, was ich an Dir so mag. Zum Beispiel, dass Du im Gegensatz zu all den Weicheiern meiner Vergangenheit Mut zeigst. Mut, zehn Minuten lange Stücke bis zum Ende zu spielen, ohne dass jemand dazwischenquatscht. Mut, schräge Sendungen zu bringen, in denen einfach nur kunstvoller Schwachsinn geredet wird. Mut, eine volle Stunde einer bestimmten Musikrichtung zu widmen, ohne Angst ein paar Quotenhörer zu verlieren, die rund um die Uhr eine politisch korrekte Mischung aus Berieslungsliedern brauchen, um nicht abzuschalten. „Listen to the radio and you will hear the songs you know“, singt Robbie Williams. Ich aber liebe an Dir besonders, dass Du mich immer wieder überrascht, meinen Horizont erweiterst, mich mit Liedern verführst, die ich mir nie zu erträumen gewagt hatte, und es so mit Dir nie langweilig wird.