Eigentlich wollte ich heute richtig was tun. Meine Küche putzen, ein Interview abtippen, zur Post gehen, einen Artikel fertigschreiben, meine Termine für die nächste Woche machen, beim Steuerberater anrufen, und endlich mit der Übersetzung beginnen, die nächsten Freitag fertig werden sollte. Nun ist es sieben Uhr Abend, und was ich von meinen Vorhaben bisher umgesetzt habe, lässt sich mit einem Wort zusammenfassen: nichts. Ich rufe entnervt meine beste Freundin an, und befinde mich gleich in bester Gesellschaft: Sie wollte heute anfangen, ihre Seminararbeit zu schreiben, und rausgekommen ist dabei ein Nachmittag vor dem Fernseher und ein leergegessener Kühlschrank. Mein Kollege hat mir gestern Ähnliches erzählt, als ich ihn nach der stagnierenden Vorbereitung seiner Präsentation fragte. Abends besuche ich meinen Opa. Er klagt seit Tagen darüber, wie schwer er sich täglich aufraffen kann, aufzustehen. „Ich fühle mich so antriebslos“, sagt er, und trifft damit auf den Punkt, was ich selbst fühle. Hilfe, was ist nur los mit uns? Es kann doch nicht nur der endlose Winter daran schuld sein, dass wir von dieser Lahmheit überfallen werden.

In der Psychologie wird Antriebslosigkeit den psychischen und Verhaltensstörungen zugeordnet, und sie gehört zu den klassischen Symptomen einer Depression. Laut der Internationalen Statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD 10) „leidet der betroffene Patient unter einer gedrückten Stimmung und einer Verminderung von Antrieb und Aktivität.“ Sollte uns das jetzt beunruhigen? Heißt das, dass wir alle unter Depressionen leiden? Wieder gibt das Symptomverzeichnis ICD 10 Auskunft: Bei einer so genannten leichten depressiven Episode sind gewöhnlich mindestens zwei oder drei Symptome vorhanden. Antriebslosigkeit alleine macht also noch keine Depression. Wo aber kommt sie dann her? Und vor allem: Was kann man dagegen tun?

Die Depression

Menschen, bei denen Antriebslosigkeit eines von mehreren Depressions-Symptomen ist, haben ein ernstzunehmendes psychisches Problem. Interessanterweise ist Antriebslosigkeit nicht typisch für suizidgefährdete Depressive. So makaber das klingt: Auch, um sich dazu aufzuraffen, sein Leben zu beenden, braucht man Energie. Mein Opa könnte theoretisch zu denen gehören, bei denen eine Therapie am sinnvollsten wäre, denn die Altersdepression ist eine ziemlich häufige Krankheit, die leider oft unbehandelt bleibt, weil sich niemand die Mühe macht, zwischen „harmloser“ Müdigkeit und depressiver Antriebslosigkeit zu unterscheiden.

Der große Berg