Auf der diesjährigen Berlinale war oft die Rede vom neuen politischen Kino – man feierte Michael Winterbottoms „Road to Guantanamo“ und bejubelte George Clooney als „politischen Hollywoodstar“. Bei dieser ganzen Partystimmung um den neuen kritischen Realismus auf der Leinwand ging ein Film völlig unter: „V for Vendetta“ – die Comic-Adaption über einen maskierten, messerwerfenden Einzelkämpfer, der gegen einen totalitären Zukunfsstaat vorgeht. Die Diskussion erschöpfte sich damals vor allem im Aussehen der Hauptdarstellerin Natalie Portman („Auch mit Glatze noch wunderschön“) sowie im Gemecker über die Wachowski-Brüder, die das Drehbuch zum Film geschrieben haben („Warum gibt es keine neue Matrix?“).

Über die eigentliche Sensation dieser Hollywood-Produktion wurde hingegen kaum gesprochen: Dass es sich überhaupt um eine Hollywood-Produktion handelt. Und zwar um eine der ganz wenigen, die sich mit einem derart unbequemen Thema auseinandersetzt: Der Instrumentalisierung von Angst für den Aufbau eines diktatorischen Staates. Zugegebenermaßen hat „V for Vendetta“ auf den ersten Blick wenig mit kritischem politischen Realismus zu tun. Der Film von Regisseur James McTeigue kommt mit wenig Feinschliff, dafür mit um so mehr Donnergetöse daher. Gleich in der ersten Szene sprengt der Rächer „V“ das Londoner Gerichtsbäude Old Bailey in die Luft. Produzent Joel Silver ist schließlich neben den „Matrix“-Filmen vor allem für US-Helden-Spektakel wie „Stirb Langsam“ und „Leathal Weapon“ bekannt. Ende der 80er Jahre kaufte der Hollywood-Mogul die Rechte an der Comic-Vorlage des britischen Kultzeichners Alan Moore: ein düsteres Zukunftsszenario einer von Staatsmacht und Medien kontrollierten Gesellschaft, geschrieben aus Protest gegen die damalige Thatcher-Regierung. Jahrzehnte später ist „V for Vendetta“ vor allem eines: Erstaunlich nah dran am Nerv der Zeit.

Es läuft einiges falsch in diesem Staate Großbritannien des Jahres 2020: An der Macht ist ein Diktator, der sich auf den christlichen Glauben beruft und die Bürger mit Horrorszenarien und einem allgegenwärtigen Überwachungsapparat klein hält. Größtes Pfund, mit dem die Big-Brother-Regierung wuchert: Eine geheimnisvolle Virusinfektion, die hunderttausende Bürger hinweggerafft hat und gegen die die Regierung als einzige ein Gegenmittel gefunden hat. Nicht verwunderlich: Wurde das Virus doch in den Biolabors der Regierung gezüchtet– getestet an Regime-Kritikern. Die offiziellen Schuldigen sind laut Staatsdoktrin islamistische Terroristen. Verfolgt wird jeder, der anders ist und nicht den „christlichen Werten“ entspricht: Ausländer, Homosexuelle, Linke oder auch nur Andersdenkende. Auf den Besitz eines Korans steht die Todesstrafe.

Es gibt Szenen in „V for Vendetta“, die wirklich gespenstisch anmuten: Zum Beispiel wenn eine Fernsehansagerin über die Virusepidemie berichtet und hinter ihr ein Bild eingeblendet wird, wie es auch in ganz Europa im Zusammenhang mit der Vogelgrippe täglich über die Mattscheibe flimmert. Auch die staatliche Berufung auf das Christentum bekommt einen merkwürdigen Beigeschmack, denkt man an die jüngsten Äußerungen von Tony Blair: In einem Interview sagte er, er hätte zu Gott gebetet, bevor er sich entschieden habe, britische Soldaten in den Irak zu schicken.

„V for Vendetta“ besitzt einen manchmal schon fast Orwellschen Prophezeiungscharakter. Zwar wurden einige Details von den Drehbuch-Schreibern in die Gegenwart übertragen, doch die Haupt-Themen des Films - die Rechtfertigung von Folter im Zusammenhang mit Terrorismus, die Kontrolle der Medien durch den Staat, die Ausnutzung von Katastrophen für politische Ziele - stammen aus Moores Comic-Vorlage. Der Zeichner distanzierte sich dennoch von dem Film, weil er keine Eins-zu-Eins-Umsetzung darin sah.