BILD Boris Hoppek bestätigt jede Menge altmodische Künstler-Klischees. Er wohnt in einer riesigen Wohnung eines heruntergekommenen Gebäudes in der Altstadt Barcelonas, natürlich dort, wo man nur wenige Touristen findet. In seiner Wohnung knirschen die Holzdielen und bröckeln die Fassaden. Bunt zusammengestellte oder –gebaute Möbel füllen den Raum, dazwischen stehen Leinwände und andere Arbeitsmaterialien. Im Treppenhaus Playmobilplastikpalmen. Hoppek zuckt mit den Schultern. „Keine Ahnung, wer die da hin gestellt hat. Die tauchten einfach irgendwann auf.“ Mehr noch: Boris Hoppek trägt zersauste Haare, schlabberige Hosen und eine eine große weiße stylishe Brille. Er spricht ruhig und leise, fast schüchtern. Und er trinkt Rooibostee. Ihn zu interviewen, ist nicht einfach. Er mag keine Interviews, weswegen wir uns nicht nur über ihn, sondern immer wieder auch über das unterhalten, was man bei einem Plausch halt so bespricht. Zum Beispiel die unverschämten Mietpreise in dieser Stadt.

Alles fing mit Graffiti an. Vielleicht wird Boris Hoppek deswegen üblicherweise der Kategorie „Street Art“ zugeordnet. Auch heute noch sprüht er an Mauern – obwohl Graffitis in Barcelona inzwischen überall verboten sind. Doch inzwischen reicht sein Output woanders hin, in die Tageswelt. Er macht Stoffpuppen, Bilder und manchmal auch riesige Installationen, wie kürzlich eine für die Bread & Butter. Er hat einmal versucht, Kunst zu studieren, wurde aber nicht angenommen. Er wurde Technischer Zeichner und vertrieb sich mich Graffiti die Zeit. Später verdiente er sein Brot als Webdesigner, in den frühen Neunzigern, noch bevor die berüchtigte geplatzte Blase überhaupt groß war. Danach widmete er sich hauptsächlich der Kunst. 1991 hatte verkaufte er sein erstes Bild für umgerechnet 1200 Euro. „Bei dem Preis bin ich heute immer noch.“ Vor zwei Jahren kam er nach Barcelona, in seinem Kleinbus, wegen dem Meer „und wegen dem Deutschland.“ Mit zwei Adressen kam er an. Eine war die vom Rojo Magazine, das einige seiner Arbeiten veröffentlichte. Er erreichte die Stadt genau rechtzeitig zur Präsentation und lernte auf einen Schlag fast alle seine Freunde kennen. Hoppek beschloss, zu bleiben.

Eines seiner Trademarks ist heute das Golliwoggesicht, ein Motto, das er mal auf irgendeiner Packung gesehen hatte. Ein Golliwog ist eine Kinderbuchfigur aus dem späten 19. Jahrhundert, als Schwarze noch Mohren genannt wurden. Er übernahm die runden, weißen Augen, die dicken roten Lippen und das pechschwarze Gesicht, und machte daraus 2002 seine erste Puppe, ‚Bimbo’. Warum eigentlich Puppen? Hoppek wollte Skulpturen machen, aber kein Holz oder Metall benutzen. „Dann hätten sie doch nur rumgestanden, als Staubfänger“ ist er überzeugt. Die einzige Lösung: „Ich habe etwas gemacht, das man auch im Bett benutzen kann.“ Später kame neue Bettpuppen. Allerdings wuchs die Familie um Figuren, die man eigentlich nicht will, schon gar nicht im Bett. Ein Ku-Klux-Klan-Männchen und Adolf Hitler zum Beispiel. Den Einwand, das sei politisch unkorrekt und provokativ, hat er schon oft gehört. „Als ich mal für ein Projekt in Manchester war, war hab ich mir viele schwarze Freunde gemacht. Sie lieben die Bimbos. Man bekommt keine schwarzen Puppen in Kindergeschäften, schon gar keine ironischen.“

Hoppek bietet seine Arbeit auf seiner Website zum Verkauf an. Bilder von Frauen mit weit gespreizten Beinen, deren Genitalien wie der Mund des Bimbos aussehen, Bimbo selbst, das alles auf Pappkartons, Aluminiumjalousien und grossen Weltkarten, wie man sie im Geografieunterricht benutzt. Er designt Gürtel für Yummy Industries und Schlüsselanhänger. Hoppeks Bimbo-Puppen sind inzwischen sogar auf lastminute.com zu haben, unter „ungewöhnliche und überraschende Geschenke“. Die Verbindung von Kunst und Kommerz ist für Künstleraus der Street-Art-Szene nichts neues. Medien und Materialien werden vermischt, Turnschuhe und Surfboards verziert, und das ganze dann im Internet verkauft.

Besonders stolz ist Hoppek auf das „Project Fox“. Im Rahmen der Präsentation des Modells Fox lud Volkswagen 22 junge Künstler und Künstlerkooperativen aus der Street Art und Character Design-Szene dazu ein, sich in Kopenhagen kreativ auszuleben. Dabei waren Grössen wie das Neasden Control Center, Freaklub und WK-Interact - und Boris Hoppek. Das 'Hotel Fox' wurde international bekannt, und Hoppek mit ihm. Doch auch heute überzeugt nicht jeden seine Arbeit. Er entwarf ein Logo für die Expo 2008 in Zaragoza, eine Puppe aus Kord. Einen alten Mann ohne Haare, mit Bart, genannt Don. Thema ist „Wasser und erneuerbare Energien“, also machte er Fotos von der Puppe am Strand und verzierte sie mit Sprechblasen wie „agua!“ oder „.agua es vida“. Gewonnen hat er nicht. Aber irgendwie wieder ein weiteres Künstlerklischee erfüllt.