Man hat es nicht leicht im Tourismusbüro von Fray Bentos, Uruguay, viel Sehenswürdiges gibt es hier nicht. Früher hatten einmal ein Kühlschrankhersteller und ein Fleischverarbeiter ihre Fabriken in der Kleinstadt am Ufer des Flusses Uruguay. Eine gute Zeit für die Stadt, doch die Firmen sind weiter gezogen, und mit ihnen ging die Arbeit. Wer kann, lebt vom Tourismus im acht Kilometer entfernten Badeort Las Cañas oder vom Hafen. Die Hauptattraktion der Stadt sind ein „Band Stand“ und die Brücke zum Nachbarn Argentinien.

Seit ein paar Monaten beherrschen Fray Bentos und seine Brücke die Schlagzeilen, sowohl in Uruguay als auch Argentinien. Der Grund sind zwei Fabriken zur Zelluloseherstellung, die nahe der westuruguayanischen Kleinstadt gebaut werden. Die Regierung betrachtet die beiden Werke der spanischen Unternehmensgruppe ENCE und der finnischen Botnia als wertvolle Investition und Quelle dringend benötigter Arbeitsplätze. Gegner des Projekts warnen vor Umweltschäden und dem Verlust von viel mehr Arbeitsplätzen in Tourismus und Fischerei.

Was vor ein paar Jahren als Konfrontation zwischen konservativen Politikern und Umweltschützern begann, hat sich in den letzten Monaten zu einer diplomatischen Krise zwischen Uruguay und Argentinien ausgeweitet. Schon im vergangenen September protestierten tausende Anwohner der argentinischen Stadt Gualeguaychú, die gegenüber von Fray Bentos liegt. Als Ende Januar eine sechsmonatige bilaterale Kommission ohne Einigung auseinander ging, blockierten die Gualeguaychúer kurzerhand die Brücke nach Fray Bentos. In Colón, einer anderen Grenzstadt, tat man es ihnen gleich, und mitten im Hochsommer wurde eine wichtige Einnahmequelle, der Strom argentinischer Touristen nach Uruguay, abgeschnitten.

Uruguay forderte ein Ende der Blockade, Argentinien eine unabhängige Studie zu den Folgen für die Umwelt. In Uruguay fand man, Argentiniens Forderungen gingen zu weit, und berief sich auf die staatliche Souveränität. In Argentinien war man der Meinung, Uruguay gefährde gemeinsame Güter und berief sich auf regionale Vereinbarungen. Die Presse schaukelte die Sache weiter hoch, und da man in Uruguay generell ein wenig empfindlich auf Einmischung des großen Nachbarn reagiert, sprachen Regierungsmitglieder schon dramatisch von Austritt aus dem südamerikanischen Wirtschaftsbündnis Mercosur.

Viele Bewohner der Region haben das Gefühl, dass bei all der nationalistischen Konfrontation die eigentlichen Kernpunkte untergehen. Linksintellektuelle Uruguayer bezeichnen die Krise als beispielhaft für das Versagen der linken Regierung von Präsident Tabaré Vázquez. Sie hatten sich mehr Unabhängigkeit von multinationalen Unternehmen, mehr Demokratie und soziale Gerechtigkeit erhofft. Jetzt werden sie mit kalter Realpolitik konfrontiert. „Warum“, fragen sie, „haben wir eigentlich links gewählt?“