Bei den Deutschen hat man das Gefühl, das sogenannte Fußballfieber dieses Frühlings wäre ein Auswuchs unseres Pflichtgefühls: „Jetzt haben wir schon die WM, jetzt müssen wir uns auch ein bisschen freuen.“ Wer jedoch aus einem Slum in Lagos oder aus einer Favela in Rio kommt, dessen einzige Aussicht auf sozialen Aufstieg ist oft ein bisschen Talent beim Spiel mit dem Leder. Und wenn’s dazu nicht reicht, dann kann man sich doch wenigstens durch Identifikation mit einer erfolgreichen Mannschaft größer fühlen.

In Argentinien ist der Fußball im täglichen Leben verankert wie in nur wenigen anderen Ländern. Einige Provinzen erlauben ihren Schulen die Ausstrahlung von WM-Spielen während des Unterrichts um die hohe Abwesenheitsquote in den Griff zu bekommen. Und sämtliche Marketingabteilungen haben längst begriffen, dass sich mit Fußball hier so gut wie alles verkaufen lässt (Särge in den Mannschaftsfarben sind der letzte Schrei).

Die Anhängerschaft ist praktisch universell, wenigstens bei der männlichen Bevölkerung. Menschen, die unter der Woche ganz normalen Bürojobs nachgehen, in Anzug und Krawatte, werfen sich am Wochenende in ihr Trikot und ziehen singend durch die Straßen – Fußball hat eine ähnliche Ventilfunktion wie bei uns Karaokenächte oder Junggesellenabschiede.

Familientradition Fußball

Loyalitäten sind geografisch unabhängig und werden über Generationen hinweg vom Vater zum Sohn weitergereicht wie eine goldene Uhr. Die beiden bekanntesten und beliebtesten Teams sind die Boca Juniors und River Plate aus der Hauptstadt Buenos Aires, gefolgt von den Newell’s Old Boys aus Rosario. (Die Namen sind das Vermächtnis britischer Immigranten, die zusammen mit den Italienern den Fußball nach Argentinien brachten.)