Hinter den großen Glasscheiben des edlen Studios „Holmes Place“ am Kölner Mediapark schwitzen Fitness-Junkies auf Cross-Trainern, Steppern und Laufbändern. Manchmal schaut einer nach unten, auf den Platz zwischen den hohen Glas- und Betonbauten. Dort wird auch trainiert - allerdings ganz anders. Andrej, Benjamin, Dirk und Philipp hangeln sich an Geländern entlang, springen über Mauern wie Turner beim Pferdsprung und rollen sich auf der anderen Seite geschmeidig auf dem harten Steinboden ab. „Die da oben“, sagt Philipp und zeigt auf die Glasscheiben, „machen Sport in einem geschlossenen Raum und bezahlen auch noch dafür. Und Andrej ergänzt: „Wir trainieren unsere Muskeln nicht, um sie zu präsentieren, sondern um sie zu benutzen.“

Benjamin, Andrej, Dirk und Philipp sind Parkour-Athleten, Traceure (aus dem Französischen: tracer = eine Linie ziehen). Etwa 400 Traceure gibt es heute in Deutschland, so Marcus Hess, Manager der deutschen Gruppe der Parkour Worldwide Association (PAWA). „Wir wachsen zwar langsam, aber stetig.“ Seit Februar 2005 versucht die PAWA in Deutschland eine spektakuläre Sportart bekannt zu machen. Parkour ist eine Kombination aus Hindernis- und Ausdauerlauf, eine spielerische Überwindung von Mauern, Zäunen und Abgründen. Der Traceur überquert sie im Sprung oder kletternd und hangelnd, um auf dem schnellsten Weg ans Ziel zu kommen. Dabei versucht er das Gelände so gerade zu durchlaufen, als hätte er zuvor eine Linie auf dem Stadtplan gezogen.

Das große Ziel: irgendwann einmal die Stadt durchqueren zu können, ohne Mauern und Gittern ausweichen zu müssen, sich lässig von einem Hindernis zum anderen zu schwingen, ohne den Flow zu unterbrechen. Die Stadt wird für die Traceure zum Spielplatz, die Mülltonne zum Sprungbrett, das Treppengeländer zur Reckstange. Bis es aber so weit ist, müssen sie jeden Tag trainieren, sich immer wieder kleine Ziele setzen, um ihr großes Ziel zu erreichen. Jeden Tag müssen sie Grundelemente wie den Katzensprung (saut de chat) üben, bei dem sie Mauern in der Sprunghocke wie Turner überwinden, oder den Armsprung (saut de bras), bei dem sie im Sprung an einer Kante Halt suchen.

Erfunden hat diese „Kunst der Fortbewegung“ der Franzose David Belle. Ende der achtziger Jahren begann er in der Pariser Vorstadt Lisses mit der schnellen und eleganten Überquerung von Hindernissen. Heute spielt er in Actionfilmen und Werbespots mit, hat Anfang 2005 die PAWA als internationalen Dachverband gegründet und erklärt bei Workshops seinen Sport. Der hat sich von Frankreich aus über ganz Europa und bis nach Südamerika ausgebreitet.

Als Parkour vor zwei Jahren auch die deutschen Großstädte erreichte, wurde es zum Medien-Hype. „Ein Sport für Extremisten“, schrieb das Hamburger Abendblatt über Parkour, mit „Superhelden in Videospielen“, verglich die Welt am Sonntag die Traceure. Dabei wollen die meisten weder Helden noch Extremisten sein. Für sie ist Parkour ein Sport, für den sie kein Stadion und keine Turnhalle brauchen.