Mit zwei Spanisch-Sprachkursen,die ich während meines Studiums belegt hatte, fühlte ich mich bestens gerüstet für meine Tätigkeit in der Öffentlichkeitsarbeit in einer Gemeindeverwaltung in Chile. Ausserdem heisst es immer, dass man Sprachen am besten lernt, wenn man dazu gezwungen ist, sie zu sprechen. Was soll also schon passieren, dachte ich mir, als ich in meinem ersten Tag startete.

Die Ernüchterung folgt nach wenigen Minuten. Mir wird ein kleiner Schreibtisch neben dem Grafiker Eduardo zugewiesen. Eduardo ist begeistert. Sofort stürzt er sich auf mich und stellt mir tausende Fragen. Leider verstehe ich nicht ein einziges Wort, denn er spricht wie alle Chilenen in einer wahnsinnigen Geschwindigkeit. Drei Worte verbindet Eduardo zu einem einzigen. Aus mir unerfindlichen Gründen hängt er zudem an jedes Wort die Silbe –po. Ich schaue ihn an. Ich muss gerade aussehen, als wäre er direkt vom Mars gekommen. Es gelingt mir nur, gequält zu lächeln. Langsam dämmert mir, dass ich mich auf etwas eingelassen habe, dem ich nicht gewachsen bin. Aber ich möchte mich nicht sofort entmutigen lassen. Nachdem ich eine halbe Stunde verkrampft überlegt und mir jedes Wort zu Recht gelegt habe, schaffe ich es, Eduardo zu fragen, was genau seine Aufgaben sind. Dachte ich zumindest. Sein fragender Gesichtsausdruck, die hochgezogene Augenbraue und sein mitleidiges Grinsen demonstrieren mir, dass etwas anderes gesagt habe, als das, was ich wollte. Ich laufe knallrot an, grinse dümmlich zurück und drehe mich wieder weg. Erst jetzt wird mir klar, dass ich ihn gefragt habe, warum er überhaupt arbeitet. Um die Peinlichkeiten noch zu steigern, äussere ich im Laufe des Tages noch Sätze wie "Ich geht jetzt Mittagspause haben" oder "Das Leute sein sehr freundlich dort" Mein Plan, gleich am ersten Tag einen guten Eindruck zu hinterlassen, er ist gründlich gescheitert.

Obwohl ich das niemals für möglich gehalten hätte, ist mir mein Computer mit Internetanschluss jetzt die letzte Rettungsinsel. Ich starre angestrengt auf den Bildschirm, rauche eine Zigarette nach der anderen und hoffe, dass niemand auf die Idee kommt, mit mir reden zu wollen.Wenn einer meiner Kollegen es doch wagt, zucke ich nur mit den Schultern. Mein Selbstbewusstsein schwindet in den ersten Stunden meines Praktikums beträchtlich. Dank meines Computers überlebe ich den ersten Tag. Allerdings weiss ich nicht, wie ich diese Situation einen Monat lang ertragen soll, ohne zu verzweifeln. Tag zwei beginnt einigermassen entspannt. Mir gelingt es immerhin, einen Small Talk mit Eduardo zu meistern. "Hallo, wie gehts? Hast du gut geschlafen? Gefällt es dir bis jetzt in Chile ?" Ich beantworte alles mit einem freundlichen "Sí" – froh, die Fragen verstanden zu haben. Eduardo hat allerdings mit mir gesprochen, als wäre ich ein kleines Kind, das seine ersten Worte lernt. Um nicht gleich wieder in die nächste unangenehme Situation zu schliddern, verdrücke ich mich Richtung Computer und atme erleichtert auf, als ich mich wieder verstecken kann. Meine Ruhe ist allerdings nur von kurzer Dauer. Plötzlich stürmt eine Horde Frauen herein und schnattert wild durcheinander. Mein kleines Erfolgserlebnis vom Morgen löst sich in Luft auf. Mehrere Chilenos sind einfach zuviel für mich. Die Tonlage, in der sie alle gleichzeitig reden, ist mindestens zwei Oktaven höher als in Deutschland. Das Sprechtempo lässt sich bei Bedarf auf Lichtgeschwindigkeit steigern. Auch nur einzelne Worte herauszupicken, die ich erahnen könnte, ist mir unmöglich. Trotzdem begrüssen mich alle freundlich mit Küsschen auf die Wange. Das kann ich; dabei brauche ich nicht sprechen.

Aber was soll man in der Öffentlichkeitsarbeit eigenständig übernehmen, wenn man die Sprache nicht beherrscht? Erst nach mehrmaligem Nachfragen und minutenlangen Nachschlagen im Wörterbuch, schnalle ich, das Eduardo mich zum Kaffee kochen aufgefordert hat. Außerdem darf ich ein bisschen kopieren. Wie sollte ich da verantwortungsvollere Dinge aufgetragen bekommen? Ich fühle mich dumm. Meine Arbeitskollegen scheinen diese Wahrnehmung zu teilen, was ich ihnen noch nicht mal verübeln kann. Mein Konzept, alle Fragen mit "Si" zu beantworten, entpuppt sich mittlerweile als Falle. Es kann nämlich passieren, dass man sich auf Einladungen einlässt, die man eigentlich niemals annehmen würde. Anscheinend habe ich mich auf diese Weise mit Eduardo verabredet, jedenfalls guckt er mich nach Feierabend erwartungsvoll an. Als er mir noch einmal ganz langsam erklärt, was Sache ist, werde ich blass. Ich habe einem Rodeo zugestimmt und zwar nicht als Zuschauer, sondern als Teilnehmer.

Aber ich bin mir sicher, dass ich auch das Rodeo heute abend überleben werde. Mehr als fallen und unsanft landen kann ich da auch nicht. Und wie das geht, habe ich an den letzten zwei Tagen ja gelernt.