„Vielen wäre eine weitere Komödie lieber gewesen", erzählt der Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck. Er aber wollte in seinem Film „Das Leben der Anderen“ über die dunklen Seiten der DDR berichten – über Bespitzelung und ein Klima der Angst. Fünf Jahre lang recherchierte er die Methoden der Staatssicherheit in der DDR. Das mit der Komödie machten inzwischen andere: Leander Haußmann mit „Sonnenallee“ und Wolfgang Becker, dessen „Goodbye Lenin“ zum erfolgreichsten deutschen Film des Jahres 2003 wurde. Sechs Millionen wiedervereinigte Kinozuschauer lachten über das Revival von Spreewaldgurken und Rotkäppchen-Sekt. Beim Deutschen Filmpreis 2003 bekam „Goodbye Lenin“ neun „Lolas“.

Nun, drei Jahre später, ist das deutsche Kino offenbar reif für Donnersmarck und „Das Leben der Anderen“. Im Jahr 15 nach der Wiedervereinigung ist die Zeit der „Ostalgie“ vorbei und über Spreewaldgurken lacht auch schon lange keiner mehr. Vielmehr fragt man sich zu Recht: Warum zum Teufel hat eigentlich noch keiner einen Spielfilm über Stasi-Opfer gemacht? Donnersmarck schafft mit seinem Debüt etwas sehr Ungewöhnliches: Er zeigt Menschen, die von der DDR-Staatssicherheit systematisch zerstört werden. Und zwar sowohl die Opfer (den Dramatiker Georg Dreyman und seine Lebensgefährtin, den Theaterstar Christa-Maria Sieland) als auch die Täter (Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler) sowie die unzähligen Menschen, die irgendwo dazwischen stehen. Wie etwa die Nachbarin, die zufällig mitbekommt, wie Stasi-Offiziere Dreymans Wohnung verwanzen. Sollte sie ihren Nachbarn warnen, erklären ihr die MfS-Mitarbeiter, könne es sein, dass ihre Tochter den gewünschten Studienplatz nicht bekomme. Die Frau schweigt. Und kann ihrem Nachbarn danach nie wieder ins Gesicht sehen.

Das Erstaunliche am diesjährigen Filmpreis ist, dass fast alle nominierten Filme politische Brisanz haben. Selbst Andreas Dresens leise Komödie „Sommer vorm Balkon“, der leider leer ausging, behandelt gesellschaftliche Tabus wie Alkoholismus und Altersarmut. Nur zum Vergleich: 2001 waren die drei besten Filme das Jugenddrama „alaska.de“, die Teenager-Buch-Verfilmung „Crazy“ und Tom Tykwers Schmachtfetzen „Der Krieger und die Kaiserin“.

Sie sind ernsthafter geworden. Regisseur Detlev Buck hat in diesem Jahr alle überrascht, die seinen Namen in erster Linie mit schrägen Komödien wie „Wir können auch anders“ oder der etwas platten „Männerpension“ verbunden haben. Er bekam eine silberne „Lola“ für seine Neuköllner Milieustudie „Knallhart“ – die eindeutig hält, was ihr Titel verspricht.

Gerade bei „Das Leben der Anderen“ und „Knallhart“ sieht man besonders deutlich, wie die Realität die Filmthemen einholt. So wird gerade über eine langfristige Abwicklung der Birthler-Behörde diskutiert. Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler, warnte bereits vor einem Ende der Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit: „Es gibt diese gewisse Sehnsucht nach einem Schlussstrich, nach Vergeben und Vergessen“. Verdrängt worden waren lange Zeit auch die katastrophalen Zustände an vielen deutschen Hauptschulen. Regisseur Detlev Buck wurde noch während der Berlinale im Februar von aufgebrachten Hauptstadtjournalisten vorgeworfen, der Stadtteil Neukölln sei doch gar nicht so asozial, wie er ihn in seinem Film „Knallhart“ dargestellt habe. Ende März gaben dann erstmals überforderte Hauptschullehrer zu, der Lage nicht mehr Herr zu werden. Es handelte sich um die Rütli-Schule in Neukölln, die inzwischen als Symbol für eine gescheiterte Bildungs- und Integrationspolitik steht.