Südlich vom Präsidentenpalast beginnt die Armut. Die Häuser verfallen, Müll türmt sich vor ihnen auf. Dunkle Gestalten durchsuchen den Schrott nach Brauchbarem. Einige Männer hängen nur aus Langeweile auf der Straße herum, andere sind auf der Suche nach Gelegenheitsjobs. Sie sind arbeitslos oder wie man in Kolumbien sagt: unterbeschäftigt. Das drückt die wahre Arbeitslosenquote. Leicht bekleidete Frauen stehen in dunklen Hauseingängen. Diese Straße gehört zu den wenigen Orten, an denen Prostitution erlaubt ist. Es nieselt. Das passt. Hier scheint wohl nie die Sonne.

Heute ist das Viertel der Treffpunkt für eine Demonstration gegen den TLC. Das ist der als neoliberal kritisierte Freihandelsvertrag zwischen den USA und einigen lateinamerikanischen Staaten, unter ihnen Kolumbien. Protestiert wird aber auch gegen alles was einem sonst nicht passt, vor allem gegen den Präsidenten Alvaro Uribe und seinen „staatlichen Terrorismus“, wie die Sprechchöre der Teilnehmer es nennen. 500 Teilnehmer sind gekommen, man hatte mehr erwartet. Ein „unterbeschäftigter“ Künstler und passionierter Demo-Teilnehmer meint: „Es gibt viele Leute, die nicht einverstanden sind mit dem was passiert, aber viele haben Angst hier teilzunehmen.“

Am Sonntag sind Präsidentschaftswahlen. Die politische Opposition hat den Wahlkampf schon zu spüren bekommen. Drei Morde in den vergangenen Wochen. Kandidaten, die ihre Familien aus dem Land schaffen und Wahlkämpfer, die in bestimmte Regionen des Landes nicht fahren können, weil ihre Sicherheit nicht garantiert ist. Der Präsident Alvaro Uribe gab diese Woche bekannt, dass sich das Land nun zwischen „demokratischer Sicherheit“ (ihm) oder dem „verkleideten Kommunismus“ zu entscheiden hat. Diese „mit mir oder gegen mich“-Losung wurde von einigen wohl als Aufforderung verstanden, die „gegen mich“-Fraktionen der Zivilgesellschaft einzuschüchtern.

Bei dieser „gegen mich“-Fraktion handelt es sich um Menschenrechtsorganisationen, die bis auf die Verteidigung der Menschenrechte keine politische Position vertreten und bei der UNO akkreditiert sind. Wer glaubt, der internationale Ruf verleihe den Organisationen Sicherheit, der irrt. Präsident Uribe glaubt sogar, dass „unter dem Deckmantel der Menschenrechte […] amnesty international im Dienste des Terrorismus“ arbeitet.

Vor etwa zwei Wochen wurden Computer aus fünf verschiedenen Büros von Menschenrechtsorganisationen in Bogotá und Cartagena geklaut. Der Regierung zu Folge handelt es sich hierbei um die allgemeine Kriminalität. Allerdings: Es wurden lediglich die Computer entwendet, andere Wertgegenstände liegen gelassen.