Es hat fünf Jahre gedauert, bis der 11. September 2001 ins Blockbuster-Format gehievt wurde; Bilder von entführten Flugzeugen oder brennenden Hochhäusern wurden aus Filmen rausgeschnitten, Starttermine verschoben – Hollywood vermied es bislang, den Finger allzu heftig in die offenen Wunde zu stecken. Doch nun geht die Filmindustrie das Thema offensiv an: Mit "Flug 93" bringt Paul Greengrass den ersten Blockbuster über die Terroranschläge ins Kino, im September legt Oliver Stone mit "World Trade Center" nach.

Regisseur Greengrass hat seine politische Sensibilität mit Filmen wie „Bloody Sunday“ oder „The Murder of Stephen Lawrence“ unter Beweis gestellt, doch sein neues Projekt ist heikel: Als der Trailer zu „Flug 93“ das erste Mal in amerikanischen Kinos gezeigt wurde, sollen Zuschauer entsetzt den Saal verlassen haben - der Trailer wurde daraufhin aus dem Programm genommen.

Außerhalb der USA richten sich die Befürchtungen eher gegen den Pathos des Projekts. Warum muss Greengrass zum Thema 11. September ausgerechnet diesen Flug bebildern? Schon lange bevor der Regisseur mit seinen Recherchen begann, wurde United 93 in Amerika zum Symbol tapferen Heldenmuts stilisiert. Was tatsächlich an Bord des Fliegers geschah, kann niemand wissen; die letzten Telefonate der Passagiere allerdings lassen auf einen Aufstand der Opfer schließen. Vermutlich überwältigten die Passagiere die Entführer, bekamen das Flugzeug dann aber nicht mehr unter Kontrolle, und die Maschine stürzte auf einen Acker in Pennsylvania. Die Maschine war das einzige der vier entführten Flugzeuge, das sein Ziel nicht erreichte. Zahlreiche Verschwörungstheorien ranken sich inzwischen um diesen Flug, populär ist vor allem die These, das Flugzeug sei von der US-Air-Force abgeschossen worden. Der offizielle Bericht zu den Ereignissen klingt nicht nur wahrscheinlicher, er hat auch den Vorteil, dass er sich so wunderbar patriotisch ausdeuten lässt: In Zeiten des Terrors muss das amerikanische Volk nun mal zusammenrücken, und was könnte da ein besseres Vorbild geben als eine Gruppe hilfloser Opfer, die im entscheidenden Moment entschlossen und tatkräftig dem Terror entgegentritt?

Umso erstaunlicher ist, dass Greengrass sich dieser pathetischen Umdeutung verweigert. Zwar bebildert er mit akribischem Echtheitsanspruch die Rebellion der Fluggäste, das Entsetzen der Fluglotsen und die Hilflosigkeit in den Kontrollzentren. Seine Passagiere aber sind keine Helden, die ihr Leben opfern, um ein weiteres Attentat zu verhindern. Gegen den allgemeinen Konsens zeigt er Menschen in Todesangst, die einfach nur ihr eigenes Leben retten wollen, indem sie die Entführer angreifen.

Der Regisseur verlässt sich hier auf sein Konzept, mit „Flug 93“eine „glaubhafte Wahrheit“ vorzustellen; nur führt gerade diese Glaubhaftigkeit irgendwann in eine Sackgasse. In Vorbildmanier studierte der Regisseur bei den Recherchen nicht nur die offiziellen Berichte der 9/11-Kommission; er nahm auch Kontakt mit über 100 Angehörigen der Opfer auf und beteiligte sie am Entstehen des Films. Als Darsteller wählte er ein Ensemble ohne Schauspielstars, dafür mit einigen echten Stewardessen und Fluglotsen. Den Vorwurf, den 11. September cineastisch auszuschlachten, kann man Greengrass also bestimmt nicht machen, im Gegenteil. Darstellung in Echtzeit, wackelnde Handkameras und schmuckloser Dokumentarstil tun ihr übriges, den Film an jeder Stelle authentisch wirken zu lassen. Die Frage ist nur: Wozu sollen wir uns das ansehen?